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Video-Filmkritik zu „Colette“ : Diese Frau ist nicht zu fassen

Bild: DCM Filmdistributio

Aus dem Leben einer unverschämten Schriftstellerin: Keira Knightley spielt in „Colette“ die weibliche Hauptrolle. Doch ihr männlicher Drehpartner Dominic West stiehlt ihr die Show.

          4 Min.

          Schreibende Frauen, die sich in einer männlich dominierten Publikationskultur einen Namen machen – oder eben nicht –, haben im Kino Konjunktur: Die dänische Drehbuchautorin und Regisseurin Pernille Fischer Christensen erzählt in „Astrid“ die Lebensgeschichte der jungen Astrid Lindgren, Glenn Close spielt in „Die Frau des Nobelpreisträgers“ nach dem Roman von Meg Wolitzer die (fiktive) Ehefrau und Ghostwriterin eines Schriftstellers, der mit von ihr geschriebenen Büchern zu höchsten Ehren aufsteigt, in „Mary Shelley“ wird mit Elle Fanning in der Titelrolle die Geburt des epochalen Romans „Frankenstein“ aus einer monströsen Liebesbeziehung rekonstruiert, und in Wash Westmorelands „Colette“ schlüpft Keira Knightley in die Korsette, Hosenröcke und Herrenanzüge der verwegenen Grande Dame der französischen Literatur.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Gut ein Jahr nach dem Beginn des Weinstein-Skandals hat offenbar ein regelrechter Run auf historische und erdachte Frauencharaktere eingesetzt, die kompliziertere Probleme wälzen als romantische Heldinnen und besser ausgeleuchtet werden als duldsame Mütter im Hintergrund. Dabei besteht stets die Gefahr, verschlungene Lebenswege in schablonierten Erfolgsstorys glattzuziehen, um heutige Erwartungen zu erfüllen und die als Antagonisten auftretenden Männer zu machistischen Antihelden zu simplifizieren. Auch Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, die 1873 geborene polyamouröse Freidenkerin mit dem literarischen Ausnahmetalent, erweist sich letztlich als zu großer und widersprüchlicher Charakter für den knapp zweistündigen luxuriös ausgestatteten Kostümfilm, der ihr gewidmet ist. Feuilletonistin, Skandal-Schriftstellerin, Skandal-Pantomimin, Stilikone und Queerness-Idol der Belle Époque, Betrogene, Betrügerin und Verführerin eines Minderjährigen, Mutter, Muse, Lazarettschwester und Bild der neuen Frau – wie könnte ein einziges Biopic das übervolle Leben einer Künstlerin erfassen, das 1954 mit dem ersten Staatsbegräbnis für eine Frau in Frankreich endete?

          Dominic West als vor Virilität strotzender Willy

          Keira Knightley glänzt in der ersten Etappe dieser Biographie, der Emanzipationsgeschichte eines Mädchens vom Land, das sich aus einer ganz und gar nicht langweiligen Ehe befreit, öffentlich inszenierte, gleichgeschlechtliche Partnerschaften eingeht und als maßgebliche Urheberin der unter dem Pseudonym ihres Mannes publizierten „Claudine“-Romane die literarische Bühne betritt. Kunst und Leben bedingen einander. Das ist hier konventioneller inszeniert, als es tatsächlich war – so sauber sah Paris um 1900 selten aus. Dennoch gelingt „Colette“ vieles: Der Film verweigert sich jeder Schwarzweiß-Zeichnung und lenkt den Blick darauf, wie groß die Leidenschaft und wie eng die symbiotische Zusammenarbeit zwischen Colette und dem wesentlich älteren Libertin Willy war, bevor sie ihr entwuchs und mehr wollte, als er ihr zugestehen mochte.

          Dominic West als Willy

          Colette erwacht – mit dieser symbolischen Szene, die zugleich eine Anspielung auf den ersten „Claudine“-Roman ist, beginnt der Film. Ein Kätzchen putzt sich auf der Bettdecke des noch schlaftrunkenen Zopfmädchens, das, wie die Einblendung verrät, 1892 im Dorf Saint Sauveur von der Mutter aus den Federn geholt wird. Der Verlobte Willy kommt aus der Hauptstadt mit der Eisenbahn ins Idyll gerauscht, selbst Verkörperung der dampfenden Beschleunigung eines Zeitalters, in dem ein Mann wie er im sich himmelwärts reckenden Eiffelturm ein Monument der Männlichkeit sieht. Doch wenn sich Keira Knightley als blutjunge Gabrielle und Dominic West als vor Virilität strotzender Willy, also als Literaturfabrikant Henry Gauthier-Villars, am Tisch gegenübersitzen und er das Paris der Boheme in Worten Cancan tanzen lässt, während sie artig schweigt, ist das nur das erste von vielen klug arrangierten Rollenspielen mit Genderstereotypen, aus dem Wash Westmoreland sein Porträt zusammensetzt.

          Früher Pornofilmer, heute großes Kino

          Nach dem ersten Ehekrach befragt Colette ihre Mutter nach der Rolle der Frau; später erkennt sie sich in einem Pantomime-Auftritt von Georges Wague wieder: Wague bewegt die Lippen und gestaltet mit seinem stummen Schauspiel das öffentliche Drama, doch eine andere singt und formt die Worte, die aus seinem Mund zu dringen scheinen. Doch wer von beiden ist nun das Originalgenie? Die Ambivalenz des Gemeinschaftsauftritts ist auch dem Duo Colette und Willy zueigen: er als vor Energie schäumender Bonvivant, Salonlöwe und Impresario, der für „Willy“-Produkte Autoren ausbeutet und kurz vor der Pleite auf die geniale Idee verfällt, seine Frau ihre unverschämten Jugenderinnerungen aufschreiben zu lassen; sie erst als fohlenstaksigen Teenager, dann als Landpomeranze im Literatursalon, schließlich als lässige Dame von Welt und Halbwelt. Ohne ihn, so viel wird klar, hätte sie nie zu schreiben begonnen, doch er sieht sie mehr als Investition denn als gleichberechtigte (Geschäfts-)Partnerin.

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          So mühelos Keira Knightley ihren Charakter durch die Jahre trägt, so gekonnt sie ihn entwickelt, an die Präsenz ihres Filmpartners Dominic West reicht sie nicht heran. Er ist in der Rolle Willys schlicht eine Wucht und droht allen anderen die Schau zu stehlen – und das, obwohl er als Liebender und Schuft, der sich in einen Schulmädchen-Fetisch flüchtet, vor allem männliche Impotenz angesichts einer starken Frau personifizieren soll. Doch West lässt Willy noch in der Schwäche zuweilen stärker wirken als Colette in Momenten der oft allzu wohlerzogenen Überlegenheit.

          Willy ist die bestechendste Uneindeutigkeit in einer Revue schillernder Gestalten. Eleanor Tomlinson gibt Georgie, die androgyne Doppelgeliebte des Ehepaars, Aiysha Hart die „Claudine“-Darstellerin Polaire, Denise Gough überzeugt als Colettes Männerkleider tragende Geliebte „Missy“ Mathilde de Morny.

          Da ist der Ruhmesglanz, auf den der Film so lange hinarbeitet: Keira Knightley als Colette.

          Wash Westmoreland hat mit seinem Demenzdrama „Still Alice“, für das Julianne Moore mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, gezeigt, wie er aus dem Aufeinandertreffen von Selbst- und Außenwahrnehmung einer Figur dramaturgisches Kapital zu schlagen versteht. Mit Erotik kennt er sich als früherer Pornofilmer aus. In „Colette“ bleiben die Liebespaare bei aller Frivolität im Bett stets angekleidet, was nicht ohne Komik ist, und dass der Film so tut, als hätte die Schriftstellerin mit Missy ihr Happy End gefunden, schrumpft die Hauptfigur auf Kinonormalmaß.

          Westmoreland, der mit Richard Glatzer und Rebecca Lenkiewicz auch das Drehbuch geschrieben hat, interessiert vor allem, was wir von unserer Zeit in der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg entdecken: ein neues Körperbewusstein, das sich in Bubikopffrisuren, Sport und modernem Tanz ausdrückt, eine boomende Unterhaltungsindustrie, die in Verwertungsketten (Buch, Theater, Film, Merchandising-Produkte plus Skandal-PR) denkt, die gelebte Infragestellung der Geschlechterdichotomie. Colette, sagt Westmoreland, war eine Frau von heute.

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