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Videofilmkritik: „Spotlight“ : Recherche statt Rache

Bild: Kerry Hayes/Open Road Films/Paramount Pictures

Altmodisch funktioniert prima: Tom McCarthys Film „Spotlight“ erzählt, wie Reporter den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufgedeckt haben.

          Zeitungsredaktionen sind ein beliebter Schauplatz für Spielfilme, wobei auf den ersten Blick nicht klar ist, warum eigentlich. Die Decken sind meist zu niedrig. Die Lampen werfen fahles Licht in graue Gesichter. Auf die Teppichböden ist seit Jahrzehnten dünner Kaffee geflossen, und das Mobiliar ist auch nicht von heute, nicht einmal von gestern. Und doch. Was sich in diesen wenig glamourösen Räumen abspielt, in die kein Kameramann bisher mehr als eine kleine Linderung der Trostlosigkeit hat zaubern können, ist offenbar von unverminderter Strahlkraft. Warum ist das so?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vielleicht hat es damit zu tun, dass in diesen Büros nicht ein Augenblick über das Heldentum eines Einzelnen oder einer Gruppe entscheidet, sondern beinharter, zäher, unerbittlicher, langatmiger, geduldig weitergetriebener Professionalismus. Anrufe, noch mehr Anrufe. Hausbesuche, Klinkenputzen, das, was die Amerikaner, die darin besonders gut sind, legwork nennen, und dann noch einmal mehr davon. Hinweise von Quellen, die zu schützen sind, gehen dem voraus oder kommen hinzu. So kamen die Pentagon-Papiere ans Licht. Watergate. Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche - historische Vertuschungen durch mächtige Institutionen, furchtlose Recherchen der klassischen Presse, die zur Aufdeckung der vormals unglaublichen Geschehnisse führten und die Rolle vermeintlich vertrauenswürdiger Amtsträger enthüllten. Es fühlte sich für die Reporter, so ist zu vermuten, nicht wie Heldentum an, was sie da taten.

          Mit dem Pulitzer-Preis prämiert

          Pentagon-Papiere und Watergate-Skandal sind längst Filmstoff gewesen. „Spotlight“ von Tom McCarthy erzählt als letzte der großen Leistungen der amerikanischen Printpresse die Geschichte des gleichnamigen Teams beim „Boston Globe“ (der damals bereits zur „New York Times“ gehörte), das 2001 mit gehöriger Verspätung den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche an die Öffentlichkeit gebracht hat. Mit gehöriger Verspätung, denn es gab bereits seit Jahren Hinweise auf diese grauenhaften und systematisch unter den Teppich gekehrten Vorfälle, die nicht mit der gebührenden Sorgfalt verfolgt wurden, weil es in Boston „zum Besten der Stadt sei“, wenn die großartigen Institutionen der Stadt zusammenarbeiten, also die Kirche und der „Globe“ zum Beispiel. So formuliert es im Film einmal Kardinal Bernard F. Law (Len Cariou).

          Erst der neue Chefredakteur des „Boston Globe“, der nicht aus Boston stammt und auch nicht in der katholischen Kirche betet (herrlich in seinem Selbstbewusstsein als Außenseiter: Liev Schreiber in der Rolle von Martin Baron), geht dem alten Verdacht nach, den die investigative Truppe hatte fallenlassen. Es dauert nicht lange, bis die Reporter erkennen, dass das ein Riesenfehler war. Um sich umso verzweifelter in ihre Recherchen zu stürzen. Opfer ausfindig machen und Täter. Listen von Versetzungen durchgehen, die belegen, in welchem Umfang die Kirche ihre missbrauchenden Priester vor Entdeckung und Verfolgung geschützt hat. Und dann, als sie so weit sind, diesen Fall endlich in vollem Umfang an die Öffentlichkeit zu bringen, fliegen von Boston aus zwei Flugzeuge ins World Trade Center. Und niemand will für eine Weile eine andere Geschichte hören. Später aber gibt es einen Pulitzer-Preis für das Spotlight-Team.

          Behutsamer Umgang mit den Opfern

          Tom McCarthy erzählt diese Geschichte mit dem abgeklärten, doch engagierten Blick eines Profis, ein wenig so, als gehörte er selbst zum Team um Walter Robinson (Michael Keaton), der in gebügelten Chinos den Spotlight-Leuten vorsteht, der mit wichtigen Männern aus Boston Golf spielt und sie alle kennt, denen nicht daran gelegen sein kann, in der Zeitung zu lesen, was seine Leute über die Machenschaften der Kirche herausgefunden haben. Ebenso wie er gehört auch Ben Bradlee Jr. (John Slattery) zum Bostoner Establishment, was ihn nervös macht, als er sieht, worauf die Sache hinausläuft, ihn allerdings nicht dazu bringt, seine Leute zurückzupfeifen.

          Das Herz der Mannschaft aber bilden der unermüdliche Michael Rezendes und Sacha Pfeiffer, die beiden Reporter, die am nächsten an den Opfern wie an den Tätern dran sind und von Mark Ruffalo und Rachel McAdams gespielt werden, als seien sie dem Teufel auf den Fersen. Und manchmal sieht es auch so aus, als beugten sich aus dem Hintergrund die gewaltigen Kirchenschiffe und -türme wie einbrechende Verliese über die winzig wirkenden Haustüren, an denen Sacha klingelt, um die Opfer zum Sprechen zu bekommen.

          Diskretion ist in diesem Fall unabdingbar, und McCarthy vermeidet alles, was einer Ausbeutung des Leids der Opfer nahekäme. Es gibt keine Rückblenden zu den Taten. Die Opfer werden nicht identifiziert. Und sind doch als Persönlichkeiten erkennbar, deren Leben zerstört wurden. „Wir hätten das sein können“, sagt einmal ein Bostoner Anwalt, der in der Stadt etwas zu sagen hat und in einer der kirchlichen Schulen war, an der systematisch Kinder missbraucht wurden. Es liegt ein Staunen in diesem Satz, das ihn als Glückspilz auszeichnet.

          Diskretion bedeutet hier aber auch, die Religion und der Glaube der Menschen werden nicht in Frage gestellt. „Ich habe zwar mit der Kirche nichts zu tun“, so ungefähr sinniert Mike einmal, „aber ich hatte sie immer noch in der Hinterhand“, für schlechte Tage sozusagen. Auch das sagt er mit einem Erstaunen, das zeigt, wie markerschütternd die Aufdeckung der Verbrechen der Priester auch für ihn gewesen ist.

          „Spotlight“ erzählt von all diesem ohne Mätzchen, ohne Glamour, ohne Ehrgeiz auf etwas anderes als eine sauber recherchierte Story. Ein wahre Geschichte. Gespielt von einem großartigen Schauspielerensemble. Eine Feier der journalistischen Ethik und des journalistischen Professionalismus. Wem das altmodisch vorkommt, hat einerseits recht. Der Zeitungsknüller ist ein Genre, das bis in die Dreißiger zurückreicht. Auch die Bilder der Druckerpressen, aus denen die frisch gedruckten Zeitungen herausfallen und mit dem Lastwagen durch den noch dunklen Morgen zu den Briefkästen und Kiosken gefahren werden, werden nicht mehr viele Generationen verstehen. Aber das, worum es geht, sollte bleiben. Die vierte Gewalt und die Verantwortung, die sie trägt.

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