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Video-Filmkritik: „Deadpool“ : Voll auf den Zwiespalt

Bild: F.A.Z., 20th Century Fox

Interessant verunglückt: Die Superhelden-Kinogroteske „Deadpool“, eine Orgie teils entwaffnend guter, teils verheerend schlechter Ideen, tritt sich mit Wucht selbst auf die Füße.

          Falls jemals wer auf die Idee kommen sollte, die lehrreichen Tabellen zu verfilmen, die als Ernährungsinformationen hinten auf Knäckebrotpackungen stehen - „Kohlenhydrate“, „Ballaststoffe“ und dergleichen -, sollte man unbedingt eine der Rollen mit Morena Baccarin besetzen (vielleicht „Brennwert“).

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn diese unglaublich gute und außerdem sehr schöne Schauspielerin setzt noch in die ärgerlichste Fehlproduktion, in die sie das Schicksal verschlägt, erfreuliche Lichtblickakzente; es fehlte nicht viel, und sie hätte sogar den neuesten Superheldencomicfilm „Deadpool“ aus dem zwiespältigen, weder strahlenden noch allzu ungünstigen Gesamteindruck, den er hinterlässt, in die Oberliga des Genres gehievt.

          Eine kraftraubende Mischung

          Das ging dann letztlich aber doch über ihre Kräfte. Denn der Film lässt ihr und den anderen erstklassigen Leuten, die ihn tragen – vom vielseitigen Faschingsprinzen Ryan Reynolds in der Titelrolle bis zur Veteranin Leslie Uggams (unter anderem aus der Fernsehserie „Roots“ bekannt) als blinde Hausgenossin –, einfach zu wenig Platz, ihre Gaben auszuspielen, denn „Deadpool“ ist über weiteste Erzählstrecken eine drangvoll nervöse, unkontrollierte Orgie blindwütig aufeinander losgelassener, teils entwaffnend guter, teil verheerend schlechter Ideen. Im Ergebnis ist er also leider nur ganz nett, teilweise niedlich, teilweise amüsant, teilweise konfus und teilweise bewusst stumpf gewalttätiger, kalauernd wiehernder Dreck.

          Eine solche Mischung aus Actionthriller, „Nackte Kanone“-Klamauk, Horror, Romanze und Krebsmelodram, bei der die einzelnen Genre-Attribute einander immer wieder mutwillig auf die Füße treten, kostet wahrscheinlich alle Beteiligten mehr Kraft als etwas, das sich irgendwann einmal entscheidet, im Rahmen irgendeiner wiedererkennbaren Konvention zu funktionieren oder zu misslingen.

          Er metzelt und witzelt, dass die Leinwand wackelt

          Von der armen Morena Baccarin zum Beispiel verlangen das Drehbuch und die von Tim Miller adäquat enthemmt organisierte Inszenierung, dass sie sich in den hübschen Reynolds verliebt, weil der ein „Merc with a Mouth“ ist, ein Söldner mit Schnauze, und ihm dann sofort ein ganzes Jahr lang fast ununterbrochen (!) sportlich-körperliche Zuwendung schenkt, deren regulärer, aber erfindungsreicher Vollzug nur zweimal unterbrochen wird – einmal zur Fastenzeit, da lesen die beiden zur Abwechslung mal ein bisschen, und einmal zum internationalen Frauentag, da schnallt sie sich ein Gerät um und spendiert ihm eine neue erotische Erfahrung.

          Kaum jedoch haben sich die Leiber der Liebenden aufeinander eingegroovt (doch, so wird in diesem Film geredet), bekommt seiner plötzlich Krebs, und aus der von Mord und Totschlag verzierten Sexkomödie wird ein Horrorfilm. Erst bricht der Mann der Frau das Herz, indem er abhaut, weil er sie dem Stress nicht aussetzen will, den sein Verfall für beide bedeutet. Dann begibt er sich in eine Frankenstein-Anstalt, die ihn zwar von seinen Zellwucherungen befreit, dabei aber auch die Menschlichkeit aus seinen Gesichtszügen rupft wie Unkraut und ihn als unzerstörbares Monster wiederauferstehen lässt, das von da an im selbstentworfenen Rächerkostüm vor sich hin metzelt und witzelt, dass die Leinwand wackelt.

          Selbstironie als Selbstanzeige

          Die bedauernswerte Vanessa, der Baccarin ihr Antlitz leiht, soll fortan noch in höchster Lebensgefahr das unplausible Geschöpf stur weiter lieben, damit das Publikum glauben kann, es verdiente Anteilnahme. Baccarin schafft das tatsächlich, sie ist ihrem Ungeheuer nicht länger böse als nötig, und als Deadpool schließlich die Maske abnimmt und man schon denkt, jetzt sind wir durch, jetzt wird sie ihm endgültig verzeihen, verlangt das Skript auch noch, dass sie ihm ihre Liebe ausgerechnet mit einer obszönen Bemerkung gestehen soll.

          Selbst das kriegt sie hin, man sinkt erleichtert im Kinosessel zurück, aber schon setzt es wieder Scherze, deren Zielscheiben schon zuvor ständig Form, Farbe und Gewicht gewechselt haben, während das post-postmoderne Meta-Ebenen-Geflunker, das selbst bei Tarantino mit den Jahren abgenommen hat, auf neue schwindelerregende Höhen gejagt wird, wo selbst die Titelmontage den Film kommentiert, der da erst noch bevorsteht und in dem der Held Deadpool sich dauernd ans Publikum wendet, um mögliche Einwände, die es gegen den ganzen Irrsinn formulieren könnte, abzufangen. So spielt man etwa mit dem „X-Men“-Unterkosmos der Marvel-Comic-Welt, hat aber nur genug Geld für zwei Figuren aus diesem Bereich und reißt deshalb genau über diesen Finanzengpass gleich mal einen dementsprechend eher bescheidenen Witz. Die Schwächen, die „Deadpool“ an solchen Stellen auf die leichte Schulter nimmt, sind damit eben nicht sofort erfolgreich überspielt, sondern treten oft nur umso deutlicher hervor: Selbstironie wird zur Selbstanzeige.

          Man lernt dabei: Nicht alle Marvel-Verfilmungen sind so gut wie die letzten Episoden der „Avengers“- oder „X-Men“-Reihen. Fein, dann ist die Spannung ja wiederhergestellt: Die nächsten Sommer-Blockbuster der Gattung werden sich neu beweisen müssen, wie’s Heldinnen und Helden gebührt.

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