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Video-Filmkritik zu „House“ : Absichtlich schlimmer als grausam

Bild: Concorde Filmverleih

Lars von Trier hat einen Serienmörderfilm gedreht und erwartet Abscheu statt Applaus: „The House that Jack Built“ zerlegt die Kinokunst blutig von innen.

          Dass jemand ein Kind erschießt, kommt auf der Welt häufiger vor, als Kunst zeigt. Im Kino kann man allerdings dabei zusehen, wenn man’s erträgt: In „Gyakusatsu kikan“ (neudeutsch: „Genocidal Organ“, 2017) von Shûkô Murase lernt ein Soldat, dass er für seine Eingreifarbeit in den Elendszonen der Welt erst bereit ist, wenn er es über sich bringt, Kinderkrieger mit Schnellfeuer zu zerfetzen, und in „...E tu vivrai nel terrore! L’aldilà“ („The Beyond“, 1981) von Lucio Fulci tötet ein Schuss ein Schulmädchen mit Zöpfen, damit die Erwachsenen verstehen, dass ihr Weg in die Hölle führt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Lars von Triers „The House That Jack Built“ (ab hier: „House“, der Titel ist zu lang, der Film nicht) zeigt die Erschießung zweier Jungen durch einen Psychopathen, der sich auf einer kunstgerechten Jagd wähnt. Wer das aushält, hat vielleicht genug gesehen bei der nächsten Szene: Die noch lebende, aber vom Trauma wie entseelte Mutter soll eins der toten Kinder füttern; wir sehen Naschzeug an den blassen Lippen, sie sind engelhaft schön, wächsern blutleer, eine obszöne Idealisierung. Dieses Bild darf man schlimmer finden als das zertrümmerte Bein oder den gesprengten Kopf.

          Kunst ist nie Zwang; niemand muss sehen oder verstehen, was Murase, Fulci oder von Trier zeigen (und so: sagen) wollen. Aber wenn man das möchte, fällt zuallererst auf, dass der Däne weder die Klarheit des Szenenaufbaus als Siegel moralischer Entschiedenheit sucht, die der Japaner pflegt, noch die traumähnlich farbmatte Weltverlorenheit der Bilder des Italieners anstrebt. „House“ erzählt stattdessen in anstrengender Ausführlichkeit von Tötungsdelikten, die der Serienmörder Jack seinem Interlokutor Verge (für: Vergil, es geht abwärts wie bei Dante) schildert, wobei Matt Dillon, der den Mörder Jack spielt, erkennbar nicht begreift, was er getan hat, sondern darüber reden will, als wäre es Kunst, während Bruno Ganz, der ihm die Beichte abnimmt, den Killer „in ergebener Traurigkeit und mit der schweren Monotonie eines Großen“ (wie ein Künstler mal über einen Künstler schrieb) immer wieder darauf zurückstößt, worum es hier wirklich geht: um die Insistenz etwa, mit der Jack die Frauen, die er exemplarisch aus seiner langen Liste begangener Grausamkeiten herauspräpariert, um sich in ihrem Leiden als dessen Designer zu suhlen, als „dumm“ darstellt, was den Täter, der seine Opfer als bloßes Inszenierungsmaterial und lästig trübe, kaum wirkliche Personen beleidigt, noch schwerer belastet, als dies ein weniger eitles Geständnis täte.

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