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Video-Filmkritik zu „House“ : Absichtlich schlimmer als grausam

Die Szene, in der Riley Keough, die Jacks einziges im Rahmen einer sogenannten „Beziehungstat“ ermordetes Opfer spielt, einen Polizisten um Hilfe bittet, der einfach nur abwinkt, sie sei wohl betrunken, ließe sich gar als Lehrfilm im Fach „Man soll den Frauen glauben“ einsetzen. Die Gewalt gegen Männer wiederum, die Jack auch begeht, ist zwar nicht sexualisiert, aber keinen Deut weniger inhuman als die gegen Frauen: Er missbraucht das Vertrauen eines väterlichen Freundes kalt als Waffe gegen diesen, er bindet Gefangene im Kühlhaus nebeneinander für ballistische Experimente, die er den Frierenden, in Todesangst Zitternden breit erklärt, er verhöhnt einen Schwarzen, der Soldat war, indem er ihm Tötungshinweise entlockt. Jack ist ein Menschenfresser, der nicht verdaut: Am Ende schmeckt er Säure im Mund, dagegen helfen keine gelehrten Exkurse, dagegen hilft keine Kunst – Es gibt keine Kunst ohne Liebe, sagt Bruno Ganz schließlich, das sei nicht diskutabel (schon gar nicht mit einem wie Jack, der als Kind ein Entenküken aus dem Wasser fischt, ihm ein Bein abzwackt und es wieder aussetzt, bevor er uns anguckt, leer, mit wie lackiertem Blick).

Beziehungsgewalt macht den Irren zum Exempel für trist alltägliche Statistik: Jack (Matt Dillon, rechts) bedrängt seine Freundin (Riley Keough).
Beziehungsgewalt macht den Irren zum Exempel für trist alltägliche Statistik: Jack (Matt Dillon, rechts) bedrängt seine Freundin (Riley Keough). : Bild: Concorde Filmverleih GmbH

Dem zeitweiligen Augenschein zuwider ist „House“ also nicht, wie zum Beispiel „Leben und Tod einer Pornobande“ (2009) von Mladen Djordjevic oder „A Serbian Film“ (2010) von Srdjan Spasojevic, nur zum Kotzen gedacht, sondern eine Selbstdurchwühlung des Filmemachers Lars von Trier, der an entscheidender Stelle Szenen aus seinem Werk, von „Dogville“ (2009) bis „Nymphomaniac“ (2013), Jacks verrückt-verfehlte Selbstinterpretation bebildern lässt. Ein Körper namens Werk wird da retrospektiv autoviviseziert; und Körperhorror ist für Männer ja meistens Kastrationsangst. Es scheint von Trier gereizt zu haben, bei sich selbst als seinem eigenen Publikum mit der entsetzlichen Szene, in der Jack einer Frau bei lebendigem Leib die Brust abschneidet, den Affekt zu induzieren: „Du hast keine Brüste, aber wenn du dies hier siehst, spürst du ein Entsetzen, als hättest du welche.“ Wohl ein Kunststück, wie vieles in diesem Film, aber zu teuer bezahlt: Der Monomane ignoriert, dass in seinem Kino auch Frauen sitzen, deren Empathievermögen mit dieser Drastik kein Neuland erschlossen, sondern bei denen nur eine sehr reale, begründete Furcht vor Gewalt verstärkt wird. Der zweite schwere Fehlgriff ins ästhetisch wie moralisch Blinde in „House“ ist diesem verwandt: Als Jack seine Bewunderung für politische Schreckensregimes artikuliert, zeigt von Trier nicht nur Hitler, Mussolini und andere Diktatoren, sondern auch Opferbilder, historische, wahre, aus dem Vernichtungskrieg und der Schoa. Wenn, wie dieses Jahr in „Werk ohne Autor“ geschehen, Florian Henckel von Donnersmarck in die nachgestellte Gaskammer klettert, ist das Ergebnis überhaupt keine Kunst, wenn Lars von Trier wirkliche Tote in ein visuelles Bonmot montiert, ist das Ergebnis immerhin schlechte Kunst, nämlich die Suggestion einer Art Analyse des Bösen, die Bilder gar nicht leisten können.

Aufhören, bitte: Neugierigen Kindern sagt man, sie sollen nicht alles in den Mund stecken. Für Kunst gilt dasselbe.

Lars von Trier, so wenig er ein politischer Kopf oder überhaupt vernunftwillig ist, hätte das wissen können; die enorme, archivgestützte Reichweite von „House“ wagt sich ja bis an Berührpunkte von Nüchternheit und Jammer, die man selbst bei diesem Autor so noch nicht gesehen hat – es sind die stärksten Momente, und mit einigem Respekt darf man sagen, dass dies der erste Lars-von-Trier-Film ist, der nicht verlangt, dass man ihn beim zweiten Mal betrunken anschaut.

Lieber Abscheu als Applaus

Sein Urheber erzählt in Interviews jetzt wieder mal, er freue sich, wenn Leute während der Darbietung aus dem Vorführsaal laufen. Er nennt sich bekanntlich vor Journalisten auch mal einen Nazi, wenn ihm sonst nichts mehr einfällt. Er tritt also auf wie einer, der möchte, dass man ihm nicht verzeiht. Nie verlangt er, um der Kunst willen entschuldigt zu sein. Das Ästhetische ist ihm willkommene Verschärfung des Unverzeihlichen, nicht Ausrede dafür. Wer verurteilt wird, hat nicht umsonst gehandelt. Geständniszwang will geliebt werden, auch und gerade da, wo er das Publikum seiner Beichte willentlich abstößt: Ignoriert mich nicht!

Abscheu ist Lars von Trier lieber als das Prädikat „besonders wertvoll.“ So lange diese Präferenz ihn leitet, bleibt er moralisch dubios, emotional phantastisch daneben und, seinem Trotz zum Trotz wie paradox zu Diensten, ein verfluchter Künstler.

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