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Video-Filmkritik zu „House“ : Absichtlich schlimmer als grausam

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Lars von Trier scheint zu wissen, was er da veranstaltet; wann genau also die Kamera dem Bildfänger bei der Verfolgung der Bestie fast von der Schulter fallen muss und wann dann, Tempowechsel, die patentierte Lars-von-Trier-Ölgötzen-Optik fällig ist. Referenzkäse und Fußnotenspeck, mit denen er wirtschaftet, werden die Kunstfilm-Gemeinde in manche Falle locken, weil sie zum Beispiel glauben könnte, sie befände sich, wo das Jenseits sich auftut, in einem Schock-Sequel von Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ (1957), oder da, wo der Sadist sich als reduzierter Charakterstumpf enthüllt, in „Battle in Heaven“ (2005) von Carlos Reygadas. All diese Vergleichsfallen liegen am Ende falscher Fährten, das Ineinander von forensischen Befunden und transzendentalen Lehren, das jene Filme prägt, liegt fern vom Erzählgang in „House“: Was jene verbinden, reißt von Trier auseinander, nicht mit einem Ruck, sondern methodisch, wie Glenn Gould in mehreren Einspielzenen in „House“ zum schönstmöglichen Klavierspiel falsch singt, summt und lallt. Zwischen der denkbaren Moral des Films und seiner sinnlichen Präsentation klafft eine nicht vernähbare Wunde wie in wenigen Filmen überhaupt – der einzige andere gelungene, der mir einfällt, in vieler Hinsicht das Gegenteil von allem, was von Trier je gedreht hat, ist „Trouble Every Day“ (2001) von der großartigen Claire Denis, in der eine Mörderin einem Mann, den sie tötet, beim Kuss buchstäblich die Zunge im Mund zerbeißt. Das Böse überlebt diese Täterin, und auch von Triers Jack überlebt sein Böses nicht: dieselbe Reihenfolge (das Subjekt stirbt, die Tat währt fort), aber der Akzent könnte nicht unterschiedlicher gesetzt sein, denn bei Denis meint das Weiterleben des Bösen über die Täterin hinaus eine Affirmation der extremen ethischen Grenzverletzung als einer Möglichkeit, die unsichtbar gemachte Frau (ganz wörtlich: sie lebt als Gefangene) ins Sichtbare zu retten; bei von Trier dagegen wird der auf hohle und banale Art männliche Täter verklagt, indem das, was ihm egal ist, das Leid der anderen, sich von seinem Kunstknall einfach nicht übermalen lässt.

Der Regisseur stellt Bärenfallen auf

Dieser maskulin morose Gestus macht „House“ sozusagen zu von Triers italienischstem Film, es riecht hier alle Nase lang nach Fulci, nach Dario Argento, Mario und Lamberto Bava, nach dem winterlich-schwefligen Ende von Michele Soavis glitzerndem Ekelmärchen „Dellamorte Dellamore“ (1994) auch. Wer freilich diese Männermonstermythologie als Frauenverachtung missversteht, ist schon wieder in eine der vom Regisseur aufgestellten Bärenfallen gegangen: Wo die Kamera von der Nahaufnahme ins Panoramabild zurückgerissen wird, während ein Hilfeschrei nichts bringt, wo Jack sagt, ja, so sei das hier für seine weiblichen Opfer, eine „hell of a town“, eine „hell of a country“ und eine „hell of a world“, könnte keine feministische Abhandlung Wahreres sagen über die Wahrnehmungsblockade, die Männergewalt gegen Frauen sozial ausblendet.

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