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Video-Filmkritik: „Suffragette“ : Das größte Selbstopfer

Bild: F.A.Z., Concorde

Sarah Gavrons Film „Suffragette“ zeigt den Kampf der Frauen ums Stimmrecht. Was aussieht wie ein sorgsam die Ereignisse aufnehmender Spielfilm, ist tatsächlich ins Extreme verdichtete Fiktion. Ihr Kern ist ganz modern.

          3 Min.

          Es gibt nur zwei helle Tage in diesem Film, beide kommen ganz zum Schluss. Es sind der 5. Juni und der 14. Juni 1913. Am ersten Tag fand in Epsom das britische Derby statt, und dabei trat eine vierzigjährige Zuschauerin auf die Rennbahn, wurde von einem Pferd umgerissen und starb später an inneren Verletzungen. Am 14. Juni wurde ihr Sarg durch London gefahren, gefolgt von Hunderten ganz in Weiß gekleideten Frauen, denen die Tote als Märtyrerin galt. Denn Emily Wilding Davison hatte in Epsom vor dem anwesenden König Georg V. und den damals neuen Filmkameras die Fahne der Women’s Social and Political Union (WSPU) zeigen wollen - jener Vereinigung, die für das Frauenstimmrecht eintrat. Nur Männer durften damals in Großbritannien wählen. Auf Englisch heißt Stimmrecht suffrage, deshalb nannten sich die Aktivistinnen der WSPU Suffragetten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Suffragette“ heißt nun auch ein englischer Spielfilm, bei dem eine Frau Regie geführt hat (Sarah Gavron), den eine Frau geschrieben hat (Abi Morgan), den zwei Frauen produziert haben (Faye Ward und Alison Owen) und in dem alle wichtigen Rollen von Frauen gespielt werden, und zwar von Stars wie Carey Mulligan, Helena Bonham Carter und Meryl Streep. Letztere hat als dreifache Oscargewinnerin zwar den kürzesten, aber auch den prominentesten Auftritt: als Emmeline Pankhurst, Gründerin der WSPU, die im Jahr 1912 die Hoffnung auf friedliche Proteste aufgab und ihre Anhängerinnen zur Gewaltanwendung ermutigte, um das Frauenstimmrecht zu erzwingen. Menschen allerdings sollten sie dabei nicht in Gefahr bringen. Schaufenster wurden eingeschmissen, Briefkästen gesprengt, Telegraphendrähte gekappt, und der noch in Bau befindliche Landsitz des Ministers David Lloyd George wurde in Brand gesteckt. Niemand starb. Bis zu jenem 5. Juni 1913.

          Eine ins Extreme verdichtete Fiktion

          So erzählt es der Film, und im Rahmen seiner nur ein Jahr umfassenden Handlungszeit hat er recht. Doch die ersten Toten mussten die Suffragetten schon Ende 1910 beklagen, als die Polizei eine Kundgebung der WSPU vor dem britischen Parlamentsgebäude gewaltsam aufgelöst hatte. Drei Frauen sollen an den Folgen ihrer an diesem ersten sogenannten „Black Friday“ erlittenen Verletzungen gestorben sein. Da „Suffragette“ das Ereignis allerdings ins Jahr 1912 verlegt, wollte man wohl auch nicht so ernst nehmen, was damals geschehen ist. Im Film wird der Polizeieinsatz „nur“ zur ersten Gewalterfahrung einer jungen Wäscherin namens Maud Watts, die sich auf die Seite der Suffragetten geschlagen hat. Gestorben wird da noch nicht, das spart sich das Drehbuch fürs Finale auf, und wenn dann das Licht am 14. Juni 1913 immer greller wird, bis es in eine historische Filmaufnahme des Trauerkordons für Emily Wilding Davison überblendet, versteht man die Botschaft von „Suffragette“: Nur durch das größte Selbstopfer konnte die politische Gleichberechtigung erreicht werden, die in Großbritannien dann allerdings noch bis 1928 auf sich warten ließ.

          Dazwischen stand der Erste Weltkrieg, in dem Emmeline Pankhurst ihre Gefolgschaft anwies, alle Aktionen gegen den Staat einzustellen, weil es nun auf dem realen Schlachtfeld zu siegen galt und Unruhe in der Heimat nur schaden konnte. Auch die rabiate Säuberung der WSPU von internen Rivalinnen, die Pankhurst schon 1912 vorgenommen hatte, hat im Film keine Bedeutung (es gibt einen kurzen Dialog, der für Informierte einen Hinweis darauf gibt). Was dank der zahlreichen historischen Persönlichkeiten in „Suffragette“ (König, Politiker, Aktivistinnen) wie ein sorgsam die damaligen Ereignisse aufnehmender Spielfilm aussieht, ist tatsächlich ins Extreme verdichtete Fiktion – bereinigt um die internen Unerquicklichkeiten im Kreis der Suffragetten. Die Düsternis der Inszenierung verweist allein auf die deplorable gesellschaftliche Situation der Frauen, die sämtlich als Lichtgestalten dargestellt werden.

          Plötzlich ist ihr Kampf ganz modern

          Das tut der Bedeutung dieses Films jedoch keinen Abbruch. Es war überfällig, endlich auch einmal an diesen Teil der Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen im zwanzigsten Jahrhundert zu erinnern. Da ist es auffällig, dass „Suffragette“ in den Vereinigten Staaten kaum auf Interesse stieß, während dort Spielfilme zur Schwarzen- oder Homosexuellenemanzipation in den letzten Jahren Triumphe feierten. Sie spielten aber auch in Amerika

          „Suffragette“ ist als europäische Produktion nicht weniger aufwendig inszeniert und ganz sicher nicht schlechter besetzt (von den männlichen Darstellern seien Ben Whishaw als ebenso rat- wie taktloser Ehemann von Maud und Brendan Gleeson als verständnisvoller, dennoch gnadenloser Polizeiinspektor erwähnt). Carey Mulligan spielt Maud Watts mehr als Staunens- denn als Schmerzensfrau: Seit dem ersten Kontakt mit den Suffragetten gehen ihr die Augen übers eigene Schicksal und das ihres Geschlechts auf. Helena Bonham Carter dagegen bietet in ihre Darstellung einer kompromisslosen Frauenrechtlerin eine Selbstsicherheit, die gerade nichts mehr überraschen kann - auch nicht die diktatorischen Direktiven von Emmeline Pankhurst.

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          Geschickt erzählt der Film von den neuen Repressionsinstrumenten, die vor hundert Jahren gegen die Aktivistinnen eingesetzt wurden: Überwachungskameras etwa oder Zwangsernährung bei Hungerstreik. Die Presse diente als willfähriges Denunziationsinstrument, die Politik flüchtete sich in Ausschüsse, statt halbherzig versprochene Reformen anzugehen: Wenn die Männer zusammensitzen, denken sie sich nur unangenehme Dinge für Frauen aus. Plötzlich ist der Kampf der Suffragetten, wie Sarah Gavron ihn uns hier zeigt, ganz modern, geführt über Symbole und im Selbstbewusstsein, für die halbe Menschheit einzutreten. Gewonnen ist er bislang nur de iure, und nicht einmal das in allen Staaten. De facto bleibt noch viel zu tun, und auch daran erinnert „Suffragette“. Er ist damit im besten Sinne Lehr- und Rührstück zugleich.

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