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Video-Filmkritik zu „Loro“ : Ohne Strafe frisst er Schafe

Bild: 2018 Gianni-Fiorito DCM

Die Geschichte beginnt mit banalem Sex: Paolo Sorrentinos Film „Loro – Die Verführten“ inszeniert Silvio Berlusconis Machtbiographie als Groteske.

          Ziemlich am Ende des Films, als die Augen schon müde sind von mehr als zwei Stunden Bunga-Bunga-Party, von all den sich am Pool räkelnden halbnackten Show-Girls und den daueraphrodisiert tanzenden Groupies in Knallbonbonfarben, stellt Silvio Berlusconi seiner zur Scheidung entschlossenen Frau Veronica die entscheidende Frage: Warum nur bist du all die Jahre bei mir geblieben, wenn du nichts Gutes an mir entdecken kannst?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Tja, weshalb bloß? Wieso sind die Italiener dem cavaliere treu geblieben ( zum Teil bis heute), wo doch zahllose seiner Schweinereien offen zutage lagen? Rechtsbrüche noch und noch, zu seinen Nutzen maßgeschneiderte Gesetze, Interessenkonflikte als Staatsmann, Medienmogul und Multimilliardär, Affären, Vulgaritäten, Nähe zur Mafia und ein ins viril Hyperventilierende gesteigertes populistisches Blendertum, das groß war im Versprechen – nichts, so scheint es, konnte ihm wirklich schaden. Veronica sagt: Ich bin geblieben, weil ich in dich verliebt war. Weil deine einzige Qualität darin besteht, Menschen zu betören.

          In Paolo Sorrentinos Film „Loro – Die Verführten“, seinem jüngsten Versuch über Wesen und Unwesen der Mächtigen in Italien, zeigt schon die erste, surreal übersteigerte Szene, was mit jenen geschieht, die sich blökend dem hohlen Schein ergeben. Ein weißes Schaf trabt ins menschenleere Wohnzimmer von Berlusconis Villa auf Sardinien und erstarrt vor einem Bildschirm, der eine Ratesendung mit dem Mediaset-Faktotum Mike Buongiorno zeigt. Das Tier kann sich nicht losreißen von dem absurden Theater. Doch es steht im Luftzug einer Klimaanlage, die auf den Gefrierpunkt zusteuert. Als der erreicht ist, fällt es schockgefrostet um: tot.

          Der unheilsgeschichtliche Kreis schließt sich, wenn aus den Ruinen des Doms im erdbebenzerstörten Ort L’Aquila das Lamm Gottes in Gestalt einer Christusstatue geborgen wird. Ach, Italien, Land der Wunden und der Wunder. Sorrentino liebt solche Überhöhungen, weil sie seine Zuschauer in umso schwindelerregendere Tiefen stürzen. Denn eigentlich beginnt seine Geschichte mit banalem (und ziemlich unansehnlichem) Sex. Auf einem Boot schmiert der Zuhälter Sergio, den Riccardo Scamorccia spielt, als wolle er den jungen Mastroianni beerben, einen Politiker. Geld hat er keines, dafür eine Hure im Angebot. Dass die ein Silvio-Tattoo trägt, weckt Sergios Ambitionen. Könnte er nicht Berlusconi im großen Stil Gespielinnen zuführen – und Europaabgeordneter werden?

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          In „Il Divo“ hat Sorrentino die Machenschaften des Langzeit-Premiers Giulio Andreotti ausgeleuchtet, in seinem Oscar-prämierten Film „La Grande Bellezza“ folgte er seinem Helden in die dekadente High Society Roms. Beide Male spielte Toni Servillo die Hauptrolle. Nun sehen wir diesen Verwandlungskünstler wieder: als Berlusconi, maskenhaft geschminkt unter einem absurd dunklen Haarhelm. Nicht mehr auf den Bühnen der Weltpolitik spielt er in dieser bitteren Persiflage, die Fakten und Fiktionen verwebt und sich für Politik herzlich wenig interessiert. Berlusconis Theater ist in „Loro“, dessen Handlung in den Jahren 2006 bis 2009 spielt, fast ausschließlich das sardinische Anwesen.

          Aus dem Amt getrieben, leidet er – nicht ganz wie das Schaf – an der Kälte, die in seine Ehe eingezogen ist, fühlt sich unbegehrt zwischen dem Neverland-Kinderkram im Garten: dem künstlichen Vulkan, dem Karussell, dem Trampolin. Eine junge Gespielin sagt ihm, er rieche aus dem Mund wie ihr Opa. Und auf Jet-Ski-Spritztour mit seiner Veronica, verkörpert von Elena Sofia Ricci, geht ihm der Sprit aus. „Lui“, er, wie der ohnmächtige Allmächtige von ihnen („loro“), die etwas von ihm begehren, genannt wird, ist eine unfassbar traurige Gestalt. Sorrentinos Film könnte auch „La Grande Tristezza“ heißen. Der Ausweg, den Berlusconi sucht, macht es nur trister: zurück zu den Frauen, zurück in die Politik. Im zweiten Teil des wie ein Diptychon gebauten Films lässt das One-Trick-Pony sein einziges Talent spielen. Berlusconi redet probeweise eine Rentnerin am Telefon um den Verstand und dreht ihr eine fiktive Wohnung zum Kauf an. Siegerlächeln! Rausch! Dann macht er sich daran, sechs Senatoren umzudrehen, auf dass sie ihn wieder ins Amt hebeln, singt wieder und ist doch ein Wrack in einer Trümmerlandschaft, in der er Almosen wie ein Gebiss verschenkt.

          Es ist der Star: Silivio Berlusconi (Toni Servillo) singt für seine Verehrer ein Liedchen.

          Bis zu diesen bösen Pointen müssen wir uns allerdings durch den ersten Teil vorkämpfen. Fast eine Stunde ohne Silvio verwendet Sorrentino auf Sergios Anbahnung, auf Koks-Schnupfen und das Anheuern von Prostituierten samt Choreographie einer orgiastischen Endlosparty in Berlusconis Sichtweite. Wie die Berieselung mit Erotik eben jene zuverlässig tötet, führt Sorrentino in extenso vor. Aber den Verdacht, dass er auch einmal so viele Show-Girls wie Berlusconi haben wollte, wird man trotzdem nicht los. Am Ende erwacht man aus „Loro“ wie aus einem bösen Traum, den einem ein schmieriger Vertreter an der Tür verkauft hat: Leiber winden sich in Zeitlupe, versteinerte Mienen verwandeln sich in Grimassen, die Zeit dehnt sich, aber bevor es richtig knallt, ist es vorbei.

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