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Video-Filmkritik : Von zorniger Schönheit gebissen

Bild: F.A.Z., couloured giraffes

Eine Landschaft, die frierende Wolken ausatmet, ein Junge, ein Hund – und eine Erwachsenenwelt ohne Mitleid: Kaan Müjdecis Film „Sivas“ ist ein Kinowunder.

          Als der letzte Spritzer blutigen Geifers von den flatternden Lefzen der kämpfenden Hunde getropft und in der Erde versickert ist, zündet sich der elfjährige Aslan, dem der Sieger gehört, erst einmal eine Zigarette an.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der junge Schauspieler Dogan Izci darf sich in diesem Moment für einen Mann halten, um den Eastwood, Ford oder Leone einen erstklassigen Western drapiert hätten. Wenige Szenen später aber zappelt er kindisch auf dem grasbewachsenen Dach eines schäbigen Schuppens, reißt sich die Kleidung vom Leib und schreit wie am Spieß: Los, nehmt auch meine Klamotten und verkauft sie, wenn ihr schon meinen Hund verscherbeln müsst! Ein würdiger alter und ein kräftiger jüngerer Mann reden teils begütigend, teils streng auf ihn ein, aber der Wütende lässt sich nicht beruhigen, sondern schmeißt mit Steinen und krakeelt, bis das ganze Dorf von der Meinungsverschiedenheit des präpubertären Dickschädels mit der Verwandtschaft, der Gemeinschaft, dem Universum weiß. Das Allerweltswort „Trotz“ ist zu farblos für das, was sich in diesem Anfall auslebt, man muss im Deutschen in die alten Wörterbücher greifen und ein ähnliches, aber stärkeres hervorkramen, um ihm gerecht zu werden: Trutz.

          Hunde haben auch eine Seele

          Kaan Müjdecis mächtiges Schneematsch-und-Dreckwiesen-Kinotafelgemälde „Sivas“ handelt von einem Kangal-Hirtenhund, der nach einem Beißturnier halbtot liegenbleibt, vom introvertiert-vergrübelten Heranwachsenden Aslan gerettet und dann wieder in brutale Kämpfe gehetzt wird, obwohl sein neuer Besitzer eigentlich gar kein Verlangen nach dem Cliquenprestige trägt, das ihm die Siege seines neuen Freundes einbringen – als sein Schwarm Ayşe ihn einmal damit aufzieht, er solle sich jetzt endlich dazu überwinden, den „Köter“, den er nach dessen Herkunftsort „Sivas“ getauft hat, in die Schlacht zu schicken, erwidert Aslan gekränkt: „Wenn wir ein Kind hätten, würdest du das dann auch kämpfen lassen?“ Ihren stumpfen Einwand „Aber er ist ein Hund“ weist er so brüsk wie vornehm zurück: „Na und? Hunde haben auch eine Seele.“

          Aslan, elf Jahre alt, Kampfhundretter: In der türkischen Provinz bedeutet Erwachsenwerden auch Verrohung.

          Darum, das in der kargen provinztürkischen Landschaft niedergedrückte und verschüttete Seelische samt seiner äußerlichen Bedrängtheit und inneren Bewegtheit so scharf umrissen wie möglich zu fotografieren, geht es Müjdeci in „Sivas“: Wir folgen Aslan in seinem blau-grauen Thermomäntelchen, den Batman-Schulranzen auf dem Rücken, und für Sekunden sieht es im gerinnenden Herbstlicht ganz so aus, als wären dem Kind in seinem schwarzen Schopf vor lauter Leidenschaft schon ein paar graue Haare gewachsen – wo hat man das schon mal gesehen, diese Kamera im Nacken einer Figur auf einem beschwerlichen Weg? Richtig, bei den Brüdern Dardenne, an deren soghafte Neugier auf die Hindernisbahn der Figuren in „Sivas“ vieles erinnert – gibt es eigentlich das Adjektiv „dardennesk“ schon? Wenn ja, bitte gleich wieder weg damit; Kritik besitzt schon zu viele schmückende Beiwörter zwischen „berührend“ und „verstörend“, die ihr die Arbeit abnehmen wollen, direkt über das zu reden, was sie sieht.

          Das Sehenswerteste in „Sivas“ sind Gesichter: Der Hund hat ein Gesicht, das Pferd hat ein Gesicht, der Gockel hat ein Gesicht – und sogar die verkehrte Auffassung von politischer Vollmacht hat ein Gesicht: Der Ortsvorsteher, der sich bei der Verkehrskontrolle zu seiner Lust an Tierquälerveranstaltungen bekennt, wirkt wie einer von Erdogans Lakaien, der einem strategischen Berater aus, na, sagen wir: Washington erklärt, warum es für die Welt das Beste sei, sie warte erst einmal ab, wie Assad und der IS einander mürbe schössen, und räume die überlebende Partei dann mit dem Handfeger vom Tisch.

          Haben Hunde eine Seele? Aslan möchte daran glauben.

          Einmal gucken wir mit Aslan durch die Stereolinsen eines View-Master-Tageslicht-Diascheibenapparats auf Standfotos aus einem „Lassie“-Film. Die lakonische Anspielung ist kein neunmalkluges Ironiesignal, sondern eine Kampfansage: „Sivas“ treibt dem sentimentalen „Lassie“-, „Flipper“- und „Black Beauty“-Kitschkino mit seinen Sachkundeschmonzetten über Kinder und ihre systematisch vermenschlichten Hunde, Delphine, Pferde, Füchse oder Schlümpfe mit den Huftritten und Prankenhieben eines zu allem entschlossenen Selbsterziehungs-Verismus die humanistische Frömmelei aus. Die Erwachsenen hier mahnen den Helden ununterbrochen: Reiß dich zusammen, Tiere (und Menschen) sind nicht dazu da, dass du dich an (und mit) ihnen freust, sondern sie müssen dir etwas einbringen – werfen sie keinen (am besten geldwerten) Nutzen ab, dann wirf sie weg.

          Befohlene Verrohung als die übelste Seite des Erwachsenwerdens also – wer hinschaut, erkennt: „Sivas“ ist ein sehr guter Film darüber. Halt, nein, ganz anders: eben nicht „darüber“. Dagegen.

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