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Star Trek : Mein Haus will fliegen

Astronautische Variante der Vereinten Nationen

Die Föderation, so lernt man, hat mit den Spätfolgen der Kriege, aus denen sie als kosmische Friedensgroßmacht hervorgegangen ist, dieselben Probleme wie die Vereinigten Staaten von Amerika mit ihren verkorksten Heimkehrern aus Vietnam, dem Irak, Afghanistan und tutti quanti. Der Feind ist in diesem Szenario Verhandlungsverweigerer, der durch die Hegemonie der föderalen Verhandlungsführung zum Verbrecher (statt: Souverän seiner eigenen Welt außerhalb des Verhandlungsgeltungsbereichs) geworden ist.

Uhura sagt zu Krall, er habe einen aggressiven Akt gegen die Föderation begangen; Krall erwidert, die Gründung der Föderation selbst sei ein aggressiver Akt gewesen. Zwischen diesen beiden Positionen gibt es keinen Ausgleich, nur Sieg oder Untergang. Dass ein „Star Trek“-Kinofilm zum fünfzigsten Jubiläum so ein Thema anfasst, hat Signalwert: Der Schöpfer des Ganzen, Gene Roddenberry, hatte sich seinerzeit vorgenommen, die Zukunftsperspektive zu überholen, die in der Science-Fiction von Robert A. Heinlein durchgesetzt worden war.

Das Staunen ist der Sinn der Raumfahrt: Jaylah (Sofia Boutella, links) und Scotty (Simon Pegg) sind beeindruckt.
Das Staunen ist der Sinn der Raumfahrt: Jaylah (Sofia Boutella, links) und Scotty (Simon Pegg) sind beeindruckt. : Bild: Paramount

Heinlein, der mit seinen Geschichten von Weltraumkadetten und Aufbruchsidealen durchaus Einfluss auf Roddenberry ausgeübt hatte, dachte sich die Expansion menschlicher Zivilisation ins All mehr oder weniger kolonialistisch, wobei auch seine Ausbildung an der Marine-Akademie in Annapolis eine Rolle gespielt haben dürfte. Wider die Idee der Expansionskriegsflotte, aber auch die reine Kaufmannsutopie der steten Ausbreitung des Freihandels, die von Utopiewilligen damals ebenfalls phantasiert wurde, setzte Roddenberry seine astronautische Variante der Vereinten Nationen. Abrams hat dieses Projekt fürs Kino unter dem wuchtig-prinzipiellen Titel „Star Trek“ 2009 erneuert, es danach mit „Star Trek: Into Darkness“ 2013 aufgebrochen und um zeitgemäße Metaphern fürs Dilemma des Interventionshumanismus ergänzt.

Ein Riesengewinn für „Star Trek“

Justin Lin schlägt jetzt ein neues Kapitel auf, mit ein paar Blicken, die heimwärts schauen und angenehm verunsichert sind; sogar der Tod des großen Nimoy wird, als Tod des alt gewordenen Spock aus einer alternativen Zeitlinie, zum Handlungselement – als Frage, wie der neue Spock „the work“, die Arbeit des alten, fortsetzen soll.

Der Film ist seiner selbst erkennbar nicht ganz so sicher wie die beiden Abrams-Vorgänger, was ihn nicht unsympathischer macht als diese und stellenweise sogar interessanter, weil risikobereiter (bis hin zum Soundtrack: Public Enemy und die Beastie Boys im All, nicht dumm). Das Allerbeste daran aber ist etwas Neues, nämlich die aus Algerien stammenden Tänzerin und Schauspielerin Sofia Boutella, die man als spektakulär flüssige Bewegung aus Madonna-Musikvideos oder Schwertbein-Killerin mit dem absolut passenden Namen „Gazelle“ aus Matthew Vaughns Film „Kingsman“ (2014) kennen konnte. In „Star Trek Beyond“ spielt sie eine außerirdische displaced person namens Jaylah mit Darth-Maul-Black-Metal-Gesichtsmuster, die sich in einem abgestürzten Raumschiff wohnlich eingerichtet hat, bis der Ingenieur der Enterprise vorbeikommt und sie von ihm verlangen kann: „You take my house and you make it fly!“

Die Figur ist skeptisch, tapfer, liebenswert, ein Riesengewinn für „Star Trek“. Als das Schiff, das sie ihr Zuhause nennt, aus der Gravitationssenke des Planeten entkommt, der Jaylahs Gefängnis war und auf dem ihr Vater sterben musste, sehen wir mit ihren Augen, wie das geschieht, und dann zeigt Lin uns ihr Gesicht, und wir erinnern uns plötzlich daran, worum es Gene Roddenberry eigentlich ging bei diesen „unendlichen Weiten“, die er uns versprochen hat: Freiheit.

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