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Video-Filmkritik zu „Macbeth“ : Einmal Shakespeare mit allem

Bild: Studiocanal

Justin Kurzels „Macbeth“-Verfilmung inszeniert Shakespeare light für Feinde des Theaters. In Erinnerung bleiben vor allem die beiden Hauptdarsteller Michael Fassbender und Marion Cotillard.

          Kann man sich an einem Schauspieler sattsehen? Von Michael Fassbender konnte man eigentlich nie genug bekommen, weder von den gehetzten, besessenen Typen, die er für Steve McQueen („Shame“, „12 Years a Slave“), noch von den leiseren Charakteren, die er bei David Cronenberg („Eine dunkle Begierde“) und Cary Fukunaga („Jane Eyre“) verkörperte. Aber in „Macbeth“, einem Film des Australiers Justin Kurzel, gibt es Momente, in denen die Fassbender-Magie erlischt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es sind nicht die Schlachtszenen, in denen sich rußverschmierte Männerkörper in Lederwämsern und Felljacken brüllend aufeinanderstürzen. Es ist auch nicht die Szene, in der Macbeth seinem König (David Thewlis) das Messer in die Brust sticht, hastig und sehr gründlich, wie einer, der eine ungeliebte Arbeit rasch erledigen will. Nein, es sind gerade jene Auftritte, nach denen sich jeder Schauspieler sehnt, der Shakespeares Mörderspiel kennt, die Begegnung mit den Hexen, der Monolog vor der Tat, das Bankett mit Banquos Geist, das „Märchen, erzählt von einem Dummkopf“ im fünften Akt.

          Brutal, treuherzig und schüchtern

          Denn Kurzel, der Regisseur, hat Fassbender zu seiner Puppe gemacht. Er hat ihm die Maske eines brutalen, treuherzigen, schüchternen und von höherem Ehrgeiz unbeleckten großen Jungen übergezogen, der erst durch den Hexenspruch völlig aus der Spur gerät. Und diese Maske passt Fassbender wie angegossen, so wie alles, was er im Kino anpackt. Nur dass er sich als Macbeth, mit so viel Kindheit im Gepäck, ständig aufpumpen muss

          Er rollt die Augen. Er fletscht die Zähne. Er stammelt und stiert. Er läuft durch die schottische Heide und den Burgsaal von Dunsinane, als trüge er ein Bleikorsett. Das Gehemmte seiner Figuren, das zu Fassbenders Portfolio gehört wie der Stahlblick aus den blauen Augen, ist hier zur Ladehemmung geronnen. Die wenigen Shakespeare-Verse, die ihm Kurzel gelassen hat, zerkaut dieser Macbeth wie ein Stück Holz vom Wahren Kreuz. Sie sind ihm heilig, aber sie schmecken nicht.

          Steinige Ödnis und wabernde Nebel

          Worum es Kurzel geht, sieht man gleich am Anfang. Erst ein totes Kind, dann zwei Reihen Kämpfer in Zeitlupe, kurz vor dem Zusammenprall. Ringsum steinige Ödnis, wabernde Nebel. Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen, lautet ein Bonmot für Schlachtenfilmer. In „Macbeth“ morden sie als Untote weiter, stacheln die Lebenden zum Töten an. Selbst die christlichen Kreuze und Heiligenbilder der Dorfkapellen wirken wie verwelkt in diesem Film.

          An ihre Stelle treten die Marterpfähle, an denen Macduffs Familie verbrennt. Kurzel hat Shakespeare genommen und Bresson daraus gemacht, eine Abhandlung über die menschliche Finsternis. Nur dass sich die pessimistische Weisheit, wenn sie, wie hier, mit kreischenden Bildern und wummerndem Soundtrack eingehämmert wird, schnell erschöpft. Die Blutströme fließen an der Erinnerung vorbei. Zwei Stunden dauert „Macbeth“, nach weiteren zwei ist er vergessen.

          Shakespeare light

          Nur Fassbender, selbst in dieser Rolle, bleibt im Gedächtnis, am deutlichsten in den Szenen, in denen er mit Marion Cotillard, seiner Lady, zu tun hat. Die Französin hat schon viele Stars an die Wand gespielt. An ihm rankt sie sich empor wie eine Winde. Ihr Wahnsinn wirkt wie eine Abzahlung auf die Schuld ihres Mannes. Die beiden haben ein Problem mit der Nachwelt: Sie sterben ohne Söhne. Das tote Kind gehörte ihnen. Der tote Film gehört den Feinden des Theaters. Hier ist Shakespeare light, aber mit allen Zutaten im Überfluss.

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