https://www.faz.net/-gs6-a2xia

Neuer Film der Brüder Taviani : Am Wendepunkt des Herzens

Bild: Kairos Film

In ihrem letzten gemeinsamen Film erzählen die Brüder Taviani eine Partisanengeschichte aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Wie so oft bei ihnen geht es auch in „Eine private Angelegenheit“ um den ewigen Konflikt zwischen Gefühl und Politik.

          4 Min.

          Wenn ein Lied, eine kleine Melodie, einen Moment des Glücks in sich aufgesogen hat, wird man es nie wieder ganz los. Die Erinnerung klebt an den Tönen wie eine Folie auf Glas. Ganze Jahrgänge von Kino-Melodramen handeln von solchen Liedern und solchen Momenten, und noch heute funktioniert die tausendfach ausgereizte Formel, sonst wären Julia Roberts und Lady Gaga nie zu Filmstars geworden. In „Eine private Angelegenheit“, dem letzten Spielfilm der Brüder Taviani, ist es der berühmte Song aus dem „Zauberer von Oz“, der die Schleusen des Herzens öffnet.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Milton, der Held der Geschichte, hat „Over the Rainbow“ viele Male mit Fulvia gehört, der Liebe seines Lebens. Das war vor dem Krieg, und jetzt ist Milton Partisan, er kämpft in den Hügeln des Piemont gegen die Truppen der Faschisten. Es ist Herbst 1944, das Leben kann jeden Augenblick zu Ende sein. Aber das Lied tönt, von unsichtbaren Händen gespielt, durch die Berge und Täler, in denen Milton die letzten Kriegsmonate verbringt, es begleitet fast jeden seiner Schritte. Ein Requiem, könnte man sagen, aber das wäre zu feierlich für diesen Film, der bei allem Pathos etwas Schüchternes hat, eine beiläufige Poesie, wie sie typisch für das Kino der Tavianis ist. Oder war.

          Zwischen Eifersucht und politischer Loyalität

          „Eine private Angelegenheit“ entstand im Frühjahr 2017, im November kam der Film in die italienischen Kinos. Es ist der erste Taviani-Spielfilm, bei dem Paolo Taviani allein Regie geführt hat, weil sein Bruder Vittorio, mit dem er wie immer das Drehbuch geschrieben hatte, nach einem Autounfall nicht mehr dazu imstande war. Im April 2018 ist Vittorio Taviani mit achtundachtzig Jahren gestorben, und nichts spricht dafür, dass Paolo ohne ihn weitermachen wird. So ist diese „Private Angelegenheit“ ein Abschied für immer, der Schwanengesang eines Regisseur-Duos, das uns fünfzig Jahre lang im Kino seine Melodie vorgespielt hat; und so, wie Milton in den Bergen des Piemont das ferne Echo von Judy Garlands Stimme vernimmt, hört man in seiner Geschichte den Nachklang vieler Motive, mit denen sich die Tavianis in die Filmgeschichte eingeschrieben haben.

          Das beginnt mit der Landschaft, in der dieses Drama spielt, und es setzt sich fort in der Spannung zwischen Einst und Jetzt, von der es angetrieben wird. Der Ort der Handlung, der Schauplatz, war in den Filmen der Tavianis nie bloßes Dekor. Die kahlen Felder Sardiniens in „Padre Padrone“, die Täler der Toskana in „Die Nacht von San Lorenzo“, die Felsen und Strände Siziliens in „Kaos“ gaben den Geschichten immer auch ihren Rhythmus vor, sie waren so etwas wie die Außenseite der Innenwelt der Figuren. So ist auch der schroffe Wechsel von gebirgigen und dörflichen Kulissen in „Eine private Angelegenheit“ kein Zufall. Das Auf und Ab der Hänge im Piemont spiegelt den inneren Aufruhr des Helden, denn Milton (Luca Marinelli) ist zerrissen zwischen rasender Eifersucht und politischer Loyalität.

          Feiglinge und Jedermänner als tragische Helden

          Zwischen Fulvia (Valentina Bellè) und ihm stand nämlich schon vor dem Krieg ein zweiter Mann, jener Giorgio, der den Anglistikstudenten Milton – daher der Spitzname – dem Mädchen aus reicher Familie vorgestellt hat. Nun erfährt Milton, dass während seines Militärdienstes in Rom zwischen Giorgio und Fulvia mehr passiert ist als jene tastenden Blicke und scheuen Berührungen, über die er selbst nicht hinauskam. Nun will er Giorgio zur Rede stellen, aber dieser dient in einer anderen Partisaneneinheit, während Fulvia aus der Kampfzone nach Turin geflüchtet ist, in die scheinbare Sicherheit der Großstadt. Im Film sieht man sie nur noch in Rückblenden. Die Liebe ist eine ferne Erinnerung, doch der Schmerz über die Kränkung ist nah und real.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In einer Apotheke in Soest wird ein Schnelltest vorgenommen.

          RKI-Zahlen : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt unter 104

          17.419 Corona-Neuinfektionen und 278 Todesfälle, das sind wieder weniger als vor einer Woche. Entsprechend geht die Sieben-Tage-Inzidenz weiter zurück – auf 103,6. Für Urlaubsrückkehrer und Einreisende gelten ab heute gelockerte Regeln.
          Dem Virus keinen Raum geben: Im Hotel in den Messehallen von Singapur konferiert man vor Trennscheiben.

          Singapur : Das erste coronasichere Hotel

          Als erster Ort der Welt bietet der Stadtstaat Singapur ein coronasicheres Hotel mit Konferenzräumen. Geschäftsleute hinter Glas können Verträge besprechen oder neue Mitarbeiter kennenlernen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.