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Neuer Film der Brüder Taviani : Am Wendepunkt des Herzens

In der Romanvorlage von Beppe Fenoglio, einem Klassiker der italienischen Nachkriegsliteratur, kämpft Milton für die bürgerliche Regierung Badoglio, die mit den Alliierten einen Waffenstillstand vereinbart hat, während Giorgio einer kommunistischen Einheit angehört. Die Tavianis haben dieses Detail gestrichen, weshalb ihnen einige Kritiker politische Naivität vorwarfen. Aber gerade in der dramaturgischen Verkürzung steckt eine tiefe Wahrheit über das Taviani-Kino. Den beiden Brüdern ging es nie darum, ideologische Unterschiede nachzuzeichnen. Was sie interessiert hat, ist der Zusammenstoß des Politischen mit dem Privaten, der tragische Zwiespalt zwischen Denken und Fühlen. Diesen Konflikt muss jeder allein austragen, ohne Hilfe des Kollektivs und seiner Parolen. Deshalb sind die Helden der Tavianis auch keine richtigen Helden, sondern Feiglinge und Jedermänner, die sich aus innerer Not zu Taten oder Untaten aufschwingen. So wie Milton, der Partisan mit dem gekränkten Herzen.

Der Krieg als inneres Erlebnis

Der Film beginnt damit, dass Milton zu der ländlichen Villa gelangt, in der Fulvia vor dem Ausbruch der Kämpfe mit ihren Eltern gewohnt hat. Der palastartige Bau steigt aus dem Nebel wie ein Märchenschloss, und märchenhaft sind auch die Szenen des Glücks, die er in Miltons Kopf heraufbeschwört. Aber die eifersüchtige Suche nach Giorgio treibt ihn zurück in die Täler, an die diffusen Frontlinien eines blutigen Bruderkriegs, bis er erfährt, dass sein Rivale den Faschisten in die Hände gefallen ist. Von da an zielt sein ganzer Ehrgeiz darauf, eine der feindlichen „Kakerlaken“ in seine Gewalt zu bekommen, um den Gefangenen gegen Giorgio auszutauschen. Als es ihm gelingt, einen Anführer der Schwarzhemden mit Hilfe einer Dorfbewohnerin zu überrumpeln, scheint sein Plan aufzugehen. Aber auf dem Weg ins Partisanenlager flieht der Gefangene, und Milton, ohne Hoffnung, ihn anders aufhalten zu können, erschießt ihn.

Die Tavianis erzählen diese Geschichte nicht, wie es naheliegt, als Mischung von Kampfpausen und Gefechten. Der Krieg, der in kurzen, verwirrenden Szenen aufblitzt, ist vor allem ein inneres Erlebnis, eine Projektion auf der Netzhaut des unglücklichen Giorgio. Deshalb sucht man die weiten Totalen und Vogelperspektiven, mit denen frühere Taviani-Filme geprunkt haben, in „Eine private Angelegenheit“ vergebens.

Trotzdem gibt es auch hier wieder Szenen, wie sie kein anderer Regisseur in dieser schlichten Klarheit drehen könnte. Vor einem Bauernhaus liegt eine erschossene Familie, Eltern und Kinder mit ihren Bediensteten. Ein Mädchen schmiegt sich an den steifen Körper seiner Mutter. Auf einmal schlägt die Kleine die Augen auf, läuft ins Haus, um Wasser aus einer Kanne zu trinken, und legt sich dann wieder zu der Toten. Der Anblick ist herzzerreißend, aber auch auf eine Weise filmisch wahr und glaubhaft, wie sie im europäischen Kino der letzten Jahrzehnte vielleicht nur die Tavianis beherrscht haben.

Am Ende kehrt Milton wie unter einem unwiderstehlichen Zwang zu der Villa zurück, in der er die besten Tage seines Lebens verbracht hat. Dort hausen inzwischen die Faschisten. Sie entdecken und jagen ihn, er flieht durch den Wald, ringsum schlagen die Kugeln ins Holz, bis das Schießen allmählich verebbt. Der Anglistikstudent aber hastet weiter, er rennt die Berge hinauf, bis er auf einem kahlen Grat die ganze Landschaft des Krieges unter sich hat. Da lichtet sich der Nebel, und er ist frei.

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