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Bild: 20th Century Fox

Für das Kino, so scheint es, sind die Romane Thomas Hardys wie eine reife Frucht, die man nur noch pflücken muss. Welch ein Irrtum. Thomas Vinterberg verfilmt „Am grünen Rand der Welt“ mit Carey Mulligan.

          4 Min.

          Es gibt Schriftsteller, die als unverfilmbar gelten. Thomas Hardy gehört nicht dazu. Mehr als vierzig Adaptionen seiner Romane und Novellen wurden bisher gedreht, die frühesten noch zu Lebzeiten des Autors, der 1928 kurz vor der Einführung des Tonfilms starb. In jüngerer Zeit hat sich der Rhythmus der Verfilmungen sogar spürbar beschleunigt: Seit Anfang der Neunziger erblickt alle zwei Jahre ein Stoff von Hardy das Licht der Leinwand oder des Bildschirms. Das hat mit der Art zu tun, wie er seine Geschichten erzählt. Sie liegen buchstäblich da wie ein offenes Buch.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Alle Farben und Stimmungen der Landschaft, der Gesellschaft, der menschlichen Seele sind bei Hardy mit breitem und präzisem Pinsel aufgetragen. Was zu sagen ist, wird gesagt, was geschehen muss, geschieht. Das Kino, so scheint es, muss die reife Frucht nur noch pflücken, die da am Wörterbaum hängt. Welch ein Irrtum.

          Das Rollenbild der eigensinnigen Frau

          „Am grünen Rand der Welt“, die Neuverfilmung von Hardys erfolgreichstem Roman „Far From the Madding Crowd“, beginnt mit einem Satz aus dem Off, mit dem die Heldin Bathsheba Everdene ihre Position in der Geschichte umreißt: „Es ist nicht einfach für eine Frau, ihre Gefühle in einer Sprache auszudrücken, die vor allem von Männern für Männer gemacht ist.“ Dazu sieht man das Gesicht von Carey Mulligan, einer Schauspielerin, die in der Typologie des zeitgenössischen Kinos das Rollenbild der eigensinnigen, selbstgewissen, manchmal selbstquälerischen Frau besetzt.

          Bei Hardy fällt der Satz gegen Ende des Romans, in einem Gespräch, in dem Bathsheba einen ihrer Verehrer, den reichsten, hartnäckigsten, auf Distanz hält. Thomas Vinterberg, der Regisseur von „Am grünen Rand der Welt“, und sein Drehbuchautor David Nicholls haben ihn dagegen an den Anfang ihres Films gestellt. Er soll sofort klarstellen, worum es geht: um den Weg zu sich selbst, um das, was Antonioni in einem seiner späten Filme die „Identifikation einer Frau“ genannt hat. Jetzt muss nur die Geschichte noch dem Wegweiser folgen.

          Der Roman wirkt plausibler

          Bei Thomas Hardy steht Bathsheba, die Erbin einer mittelgroßen Farm im Südwesten Englands, zwischen drei Männern: dem als Schafzüchter gescheiterten Gabriel Oak, der bei ihr als Schäfer und Verwalter arbeitet, dem Gutsbesitzer Boldwood, der ihr seine Reichtümer zu Füßen legt, und dem Kavalleriesergeanten Troy, der sie mit seiner Schwertkunst und seiner rabiaten Sinnlichkeit verführt. Sie erliegt ihr und heiratet ihn. Dann erkennt sie, dass Troy sie nicht liebt, und verstößt ihn. Er geht ans Meer, um sich zu ertränken, und verschwindet. Aber das treibt Bathsheba weder zu Boldwood noch zu Oak. Ihr Stolz, der sich in Einsamkeit gefällt, muss gewaltsam gebrochen werden, und zwar durch einen Mord. Im Roman wirkt das alles überaus plausibel. Im Film hat man Mühe, es zu begreifen.

          Gabriel Oak, der Schäfer, wird bei Vinterberg von dem belgischen Schauspieler Matthias Schoenaerts gespielt. Schoenaerts, der mit der Rolle eines Preisboxers in Jacques Audiards „Der Geschmack von Rost und Knochen“ bekannt wurde, ist die Verkörperung von Ruhe und Kraft. Zugleich ist er das attraktivste Mannsbild in diesem Film. Dass Bathsheba seine erste ungestüme Werbung zurückweist, mag man verstehen, aber dass sie ihn nicht spätestens nimmt, nachdem er ihre Ernte vor einem Feuer gerettet hat, ist unverzeihlich. Zumal Troy (Tom Sturridge), der Mann, von dem sie sich schließlich küssen lässt, der reinste Zinnsoldat ist, eine Karikatur eines Gecken, der aus lauter Langeweile ein Dienstmädchen (Juno Temple) geschwängert und dann verlassen hat.

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