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Video-Filmkritik : Ein Spiel von Lust und Lügen

Bild: dpa

In „Zwischen den Zeilen“ erzählt der französische Regisseur Olivier Assayas eine Geschichte aus der Verlagsbranche. Es geht um Digitalisierung, MeToo, die Zukunft des Buches – und darum, wie wir mit Veränderungen im Leben umgehen.

          4 Min.

          Zwei Männer im Bistro. Der eine bestellt nur einen Salat, der andere ein ganzes Menü, Vorspeise, Steak und Dessert. Der eine, ein Verlagschef, spricht über die Probleme der Branche, den Wandel des Leseverhaltens, die Digitalisierung, der andere, ein Schriftsteller, redet über das Manuskript seines neuen Romans. „Hast du es gelesen?“ Ja, antwortet Alain, der Verlagsmann, das habe er, und vielleicht brauche Léonard, der Autor, noch etwas Zeit zum Nachdenken; schließlich sei sein letztes Buch kein Bestseller, sondern eher ein worst-seller gewesen. So plätschert das Gespräch weiter, sie gehen auf die Straße, zurück zum Pariser Verlagshaus, und auf der Treppe fragt der Schriftsteller den Verleger, ob er den Roman nun veröffentlichen werde. Nein, sagt Alain. „Ich dachte, das hättest du verstanden.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Zwischen den Zeilen“, der neue Film von Olivier Assayas, ist der Versuch, ein ernstes und schweres Thema auf die leichteste und lässigste denkbare Weise zu verhandeln. Deshalb stellt die Ablehnung von Léonards Manuskript, die gleich am Anfang stattfindet, so ziemlich die schlimmste Katastrophe dar, die in dieser Geschichte passieren kann, und selbst sie ist nicht von Dauer. Andere, kleinere Katastrophen werden folgen oder angedroht: Zwei Männer betrügen ihre Frauen, eine Frau ihren Mann, ein Freund seinen Freund; ein Politiker wird bei einer Prostituierten erwischt; ein Autor blamiert sich im Radio; der Verlagsbesitzer hegt Verkaufspläne. Aber am Ende hat sich alles irgendwie wieder eingerenkt. Der Verlag wird nicht verkauft, das Buchgeschäft geht weiter. Der abgelehnte Roman – er heißt „Schlusspunkt“ – erscheint doch noch. Eine Affäre geht zu Ende, eine Karriere knickt ab, aber dafür ist an einer anderen Stelle der Geschichte ein Kind in Sicht, ein neues Leben.

          Ein Bonmot zum Abschied für die Geliebte

          Warum also soll man sich das anschauen? Weil „Zwischen den Zeilen“ kein filmisches Dossier über die Verlagsbranche und ihre Krisen ist, sondern ein Film, der das Geschehen im Vordergrund nur als Folie für ein größeres, tieferes Spiel nimmt. Eine Geschichte über den Wandel schlechthin, über die Wandlungen des Lebens, und über den Preis, der dafür gezahlt werden muss. Es geht um alles, aber nicht im Prediger-, sondern im Plauderton. An einer wichtigen Stelle des Films wird ein Satz aus Luchino Viscontis „Der Leopard“ zitiert: „Damit alles bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Alain (Guillaume Canet) sagt ihn zu seiner Digital Content Managerin Laure (Christa Théret), als er mit ihr Schluss macht. Er ist sein Abschiedsgeschenk, zusammen mit einer Goldkette. Die Affäre der beiden hat den Verlag auf einen Kurs gebracht, den Alain jetzt korrigiert. Zuvor hat Laure ihm unter anderem vorgeschlagen, die Rezensionen der Kritiker zu den Büchern, die er publiziert, durch Algorithmen zu ersetzen, die für jeden Leser das geeignete Buch finden. Alain aber will weiter Kritiken lesen und zieht daraus die persönliche Konsequenz.

          Sie spielt diesmal keine Hauptrolle, aber sie trägt dennoch den Film: Juliette Binoche in „Zwischen den Zeilen“

          Seit einiger Zeit liegt die Frage in der Luft, wie das Kino auf die Herausforderung durch die Streaming-Dienste und die neuen digitalen Vermarktungsformen reagieren soll. Die großen Hollywoodstudios setzen in diesem Wettbewerb auf Superhelden- und Superkostenfilme: noch mehr Spezialeffekte, noch größere Budgets, noch unwahrscheinlichere, zwischen Science-Fiction und Kostümschinken pendelnde Geschichten. In Europa dagegen ist von einer Immunreaktion auf die Digitalisierung noch wenig zu sehen. Die großen Filmnationen blicken ziemlich hilflos auf den Transformationsprozess, der sich vor ihren Augen abspielt. Das italienische Kino erlebt gerade eine der schlimmsten Krisen seiner Geschichte. In Deutschland sind die Umsätze der Branche vergangenes Jahr um ein Fünftel zurückgegangen.

          Am besten steht, wie fast immer, das Kino in Frankreich da, und das hat nicht nur mit den achthundert Millionen Euro zu tun, die der Staat dort jedes Jahr in die Bilder-Industrie pumpt. Es liegt auch an der größeren intellektuellen Wachheit der französischen Regisseure. Für Olivier Assayas beispielsweise gibt es zwischen der Welt des Digitalen und der klassischen bürgerlichen Kultur keinen unüberbrückbaren Widerspruch, wie er in seinen eigenen Filmen (etwa in „Demonlover“, „Carlos“ oder „Les destinées sentimentales“) oft genug gezeigt hat. Es kommt nur darauf an, wie man den Wandel, der sich vollzieht, betrachtet: panisch und beflissen oder kühl und reflektiert. Vielleicht braucht das Kino, wie wir es kennen, tatsächlich eine Denkpause. Assayas jedenfalls hat sie auf seine Weise genutzt.

          Sex im Kino und ein Shitstorm im Netz

          Zwei Männer, Léonard und Alain, ihre Frauen, dazu ein paar Freunde und Geschäftspartner, das ist die Konstellation, mit der „Zwischen den Zeilen“ spielt. Das Gleichgewicht ist dadurch gestört, dass Léonard seit Jahren ein Verhältnis mit Alains Ehefrau Selena (Juliette Binoche) hat, von dem er, kaum verschleiert, in seinen Büchern erzählt (allerdings verlegt er eine Fellatio, die während eines „Star Wars“-Films stattgefunden hat, aus Eitelkeit in eine Vorführung von Michael Hanekes „Weißem Band“). Aber auch Léonard (Vincent Macaigne) befindet sich in Schieflage, weil er die digitale Revolution verschlafen hat. Bei einer Lesung erfährt er, dass seine Exfrau im Netz einen Shitstorm gegen ihn entfesselt hat. Seine erotisch angeschärften Tagebuchromane fahren in Zeiten von MeToo vor die Wand der neuen sexuellen Korrektheit.

          In einem anderen Film – einem deutschen etwa – könnte man diesen vier Personen jetzt beim Untergehen zuschauen. Alain würde seinen Verlag verlieren, Léonard seinen Stolz und beide ihre Frauen. Aber Assayas denkt gar nicht daran, seine Figuren von einer Klippe stürzen zu lassen, die nur in Drehbüchern existiert. Sein Film ist auch darin zutiefst französisch, dass er Molière den Vorzug vor Shakespeare gibt. Die Verkörperung dieser antitragischen Haltung ist Juliette Binoche, die als Alains Gattin diesmal keine Hauptrolle spielt, aber den Film dennoch zusammenhält.

          Selena hat als Heldin der Polizeiserie eines Streaming-Anbieters ein Millionenpublikum, aber im Grunde nichts zu tun. Nicht zufällig fällt ihre Affäre mit Léonard mit ihrem Serienerfolg zusammen. Als Selena erkennt, dass ihr die Polizistinnenrolle nichts mehr gibt, findet sie auch die Kraft, die Rolle der Geliebten hinter sich zu lassen. Die Szene, in der sie sich mit ungeschminktem Gesicht und Wollmütze von dem Schriftsteller verabschiedet, gehört zu den großen Kinomomenten des Jahres, weil sie eine lange Geschichte von Lust und Lügen in einem Augenblick zusammenfasst. Nur wenige Schauspielerinnen können das so gut wie Juliette Binoche.

          Was das Kino uns gibt, Trost oder Kitzel, Schocks oder Tränen, wird mit jedem Film neu ausgehandelt. Bei Olivier Assayas liegt das Glück des Zuschauers im Schauen selbst: in dem Gefühl, in jeder Einstellung, jeder Szene in einem Film von heute zu sitzen, in einer Gegenwart, die unserer eigenen bis in die Haarspitzen gleicht. Nur dass sie über die besseren Bilder und die klügeren Dialogsätze verfügt. „Wir bewahren eine Idee, die die Zeiten überdauert“, sagt der Verleger Alain über seinen Beruf. Vielleicht gilt das ja nicht nur für die Welt der Bücher. Solange Filme wie „Zwischen den Zeilen“ möglich sind, hat die Idee des Kinos noch eine Chance.

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