https://www.faz.net/-gs6-noug

Kino : Wunderschön und schrecklich: „Hierankl“ im Kino

  • Aktualisiert am

Film-Kritik: Johanna Wokalek in "Hierankl" Bild:

Für einen deutschen Film ist „Hierankl“ mehr als ungewöhnlich. Inmitten der gewaltigen Schönheit des bayerischen Voralpenlands werden wir Zeuge eines Familiendramas mit großer Besetzung, das einem die Sprache verschlägt.

          2 Min.

          „Hierankl“ ist ein eigenartiger Film, wobei die Betonung auf eigen liegt, nicht auf artig. Es ist der erste abendfüllende Film des jungen Regisseurs Hans Steinbichler, der auch das Drehbuch geschrieben hat.

          Ungewöhnlich ist schon der Schauplatz: Hierankl, das ist der Name des Gehöfts, auf dem die Eltern von Lene leben. Es liegt, abgeschieden vom Rest der Welt, inmitten der gewaltigen Schönheit des bayerischen Voralpenlands. Hier werden wir Zeuge eines Familiendramas. Mit großer Besetzung: Barbara Sukowa spielt die Mutter, kalt, unfähig zu wirklicher Bindung. Josef Bierbichler als Vater, der, zu schwach zu gehen, längst ein geheimes Parallel-Leben führt. Frank Giering als lethargischer Bruder von Lene, Johanna Wokalek, die ihrerseits nach Hause kommt, um Fragen zu stellen. Um der Mutter abzutrotzen, was diese ihr bisher schuldig geblieben ist: eine eigene Identität.

          Verzweifelt auf der Suche

          „Hierankl“ erzählt auch davon, was es bedeutet, Kind von 68er-Eltern zu sein. Was es bedeutet, Eltern zu haben, die ihr eigenes Leben gelebt haben, so erfüllt es nur ging, ihren Kindern aber für deren Weg keinen Sinn mitgeben konnten, weil sie selbst so verzweifelt auf der Suche waren.

          Am selben Tag wie Lene taucht in Hierankl überraschend noch ein weiterer Gast auf. Es ist ein alter Freund der Familie, gespielt von Peter Simonischek, und Lene beginnt eine Affäre mit ihm. Vielleicht will sie ihre Mutter eifersüchtig machen, vielleicht verliebt sie sich wirklich in diesen Mann - der Film ist klug genug, das offenzulassen. Doch nun kommt alles in Bewegung. Der Mann war ursprünglich ein enger Freund der Mutter - „das war lange vor deiner Zeit“, wurde Lene immer gesagt. Als die Liebesgeschichte zwischen ihr und dem viel älteren Mann beginnt, nimmt das Unglück seinen Lauf, und aus dem wunderschön gefilmten (Kamerafrau Bella Halben), grandios besetzten „Hierankl“ wird ein Film, der kaum noch zu ertragen ist. Weil er von Begebenheiten erzählt, die einem die Sprache verschlagen. Gefühlen, die größer sind als die Liebe zwischen Mann und Frau. Eine Tragödie spielt sich ab. Und mittendrin: Lene, alias Johanna Wokalek, der es in kürzester Zeit nicht weniger als ihr ganzes bisheriges Leben unter den Füßen wegzieht und unwiederbringlich in ein Reich der Lügen und der Phantasie verbannt.

          Aus Skandinavien ist man solche Stoffe eher gewohnt: Familien, in denen es ein unheilvolles Geheimnis gibt, das irgendwann, am besten bei einem festlichen Anlaß, ans Licht kommt. Für einen deutschen Film ist „Hierankl“ jedenfalls mehr als ungewöhnlich. Allein daß er finanziert wurde, grenzt an ein Wunder. Keine Komödie, kein glücklicher Ausgang - nur ein paar Menschen in einer unmenschlichen Situation. Nicht jeder wird diesen Film mögen, und das ist vielleicht auch gar nicht beabsichtigt. „Hierankl“ ist auch ein schrecklicher Film. Und das kann auch anders gar nicht sein, weil das Gezeigte schrecklich ist.

          Weitere Themen

          So riecht Sozialkritik

          „Parasite“ im Kino : So riecht Sozialkritik

          Ein Leben, das aus Füßen besteht, eine Familie, die eine andere befällt, und überall bildhafte Bedeutung: Der Cannes-Gewinner „Parasite“ steckt voller revolutionärer Energie.

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Eskaliert wird jetzt mit Yogitee

          Hotlist-Preis : Eskaliert wird jetzt mit Yogitee

          Früher war mehr Lametta: Die Verleihung des Hotlist-Preises der unabhängigen Verlage hat einen neuen, erschreckend nüchtern ausfallenden Rahmen. Dafür gibt es einen strahlenden Doppelgewinner.

          Topmeldungen

          Der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, ruft dazu auf, Johnsons Abkommen abzulehnen.

          Nigel Farage : „Das ist einfach kein Brexit“

          +++ Jean-Claude Juncker empfiehlt Deal zur Annahme +++ Chef der Brexit-Partei und DUP lehnen Deal ab +++ EU-Gipfel beginnt um 15 Uhr +++ Alle Infos zum Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.