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Kino : Wunder aus der Höllenküche: „In America“

Film-Kritik: Emma Bolger und Djimon Hounsou in "In America" Bild: Fox

Eine irische Familie zieht illegal nach New York, wo sie einen großen schwarzen Mann trifft, der sich als Engel entpuppt. Mit „In America“ erzählt der Regisseur Jim Sheridan seine eigene Einwanderungsgeschichte, die den Oscar-Juroren gefallen wird.

          Ein Film, der aus der Perspektive zweier Töchter einer irischen Familie erzählt, wie diese nach dem Tod ihres zweijährigen Sohnes illegal nach New York zieht, um ein neues Leben zu finden, dort in einem verrottenden Haus im elendsten Viertel der Stadt einen großen schwarzen Mann trifft, der sich als Engel entpuppt, und in dem dann just in dem Augenblick ein neues Kind geboren wird, in dem der Schwarze seinen letzten Atemzug tut - ein solcher Film ist alarmierend kitschverdächtig. Wenn das Ganze dann auch noch auf persönlichen Erfahrungen der Mitwirkenden basiert, gar mit einigen Verdichtungen die Einwanderungsgeschichte des Regisseurs erzählt, damit wir für ein wirkliches Schicksal halten, was wir da sehen, sosehr es auch an reißbrettentworfene Groschenmärchen erinnern mag, wird der Verdacht fast zur Gewißheit, bevor das erste Bild auf der Leinwand erschienen ist.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der irische Regisseur Jim Sheridan, der das Drehbuch zu "In America" mit seinen Töchtern Naomi und Kirsten geschrieben, der den Film seinem toten Bruder gewidmet und auch in Interviews keinen Zweifel daran gelassen hat, daß nicht nur dieser Film, sondern auch das Leben, von dem er erzählt, eine familiäre Anstrengung war, bringt es immerhin fertig, daß es bei diesem "fast" dann bleibt. Denn einerseits sind Geschichten für Erwachsene, die mit dem Blick von Kindern erzählt werden, fast immer ein kleiner Betrug, weil jede phantastische Ausschmückung und jeder optische Knick den Eigenheiten kindlicher Wahrnehmung zugeschlagen werden können; und andererseits enthüllt der Kinderblick mitunter Schichten der Wirklichkeit, die der vernünftigen Reflexion nicht zugänglich sind. In diesem Hin und Her zwischen zauberhaften Phantasien, die für die beiden Mädchen aus den ärmlichen Verhältnissen der Familie ein Leben mit Feen und Geistern machen, und den in Kindlichkeit verpackten Verklärungen eines Milde projizierenden Altersblicks zurück auf glücklich bestandene Herausforderungen bleibt "In America" lange schweben. Eindeutig ins Reich des Kitschs treibt ihn dann erst am Ende die Symmetrie von Tod und Geburt.

          Ohne erkennbare Handlung

          Bis es aber soweit ist, erleben wir eine Geschichte, die über weite Strecken fast ohne erkennbare Handlung daherkommt. Wir sehen vielmehr eine Folge von Episoden, in deren Zentrum eine große Leere herrscht, weil der Sohn fehlt, dessen Tod die Eltern nicht losläßt. Dieser emotionale Stillstand, der im Wechsel der Jahreszeiten um so starrer erscheint, ist die einzige Wahrheit in diesem Film. Samantha Morton in der Rolle der Mutter Sarah zeigt uns dieses panische Nicht-vom-Fleck-Kommen vor allem in ihren Augen, die immer irgendwohin schweifen, wo nichts zu sehen ist. Einmal bleibt Sarah, von der New Yorker Sommerschwüle erdrückt, einfach auf halbem Weg auf der Treppe zu ihrer Wohnung sitzen und blickt auf die verwüsteten Wände des Treppenhauses, als könnte ausgerechnet hier vielleicht doch noch das Wunder geschehen, das den Toten zurückbringt. Aber Wunder gibt es erst später, wenn der Film schon verloren ist, während er hier noch für eine innere Wirklichkeit ein Bild findet, das keinen magischen Überbau braucht.

          Für die Figur des Vaters Johnny, den der Brite Paddy Considine spielt, fallen Sheridan solche Bilder nicht ein. Johnny wirkt weinerlich in seinen großen Szenen, etwa wenn er bekanntgibt, er sei mit seinem Sohn gestorben und jetzt nur noch ein Geist ohne Gefühl. Daß seine fünfjährige Tochter Ariel (Emma Bolger) ihn eines Nachts nicht mehr erkennt, macht die Sache nicht besser. Und als die elfjährige Christy (gespielt von Emma Bolgers Schwester Sarah) ihm kurz darauf mitteilt, er solle sie nicht mehr als kleines Mädchen behandeln, schließlich trage sie in New York die ganze Last der Familie, ist dem Regisseur endgültig das Gespür dafür abhanden gekommen, was selbst altkluge Kinder von sich geben können, ohne daß man sie zu hassen beginnt.

          Rettung vor dem Bankrott

          Von Mateo (Djimon Hounsou), dem schwarzen Maler, müßte man eigentlich höflich schweigen, spielte er nicht eine so entscheidende Rolle beim Happy-End des Films. Mit beeindruckendem Armumfang und dem Oberkörper eines Bodybuilders stirbt er in schicken Bettbezügen an Aids. Zuvor aber haucht er nicht nur dem neuen, zu früh geborenen Baby den Lebensatem ein, sondern rettet die Familie auch vor dem Bankrott. Was hat diese seltsame Gestalt ohne Geschichte in dem heruntergekommenen Haus im Stadtteil Hell's Kitchen zu suchen, in dem die Familie untergekommen ist? Der Film braucht ihn und seinen Tod offenbar nur, um endlich einen Sinn zu stiften, nachdem die Sinnlosigkeit eines anderen Tods das Leben lange Zeit aufgehalten hat. Das ist einerseits rührend, andererseits eine große Lüge. Wie der pompöse Filmtitel es verspricht, läßt nach Mateos Tod auch der Erfolg nicht mehr lange auf sich warten: Johnny, der bisher als Taxifahrer Geld verdiente, bekommt endlich eine Rolle in seinem eigentlichen Beruf als Schauspieler. Vielleicht wird er dabei einmal so berühmt wie Jim Sheridan mit seinen Filmen "Mein linker Fuß", "Im Namen des Vaters" und "Der Boxer".

          Von New York handelt "In America" übrigens nicht - oder höchstens von dem Klischee-Manhattan, das nach dem 11. September 2001 für ganz Amerika stehen soll. Außer ein paar touristischen Eindrücken vom Times Square zeigt uns Sheridan, der einen Großteil seines Films in Irland gedreht hat, nichts als einen verschneiten Park und die Wölbung des Sternenhimmels, der sich von ortsüblichen Feuertreppen aus besonders gut betrachten läßt. Ein nostalgischer Ort für einen Film, der den älteren Damen und Herren, die über die Oscars entscheiden, gefallen wird.

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