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Kino : Vorsicht, Kastration: „Basic Instinct“, Teil zwei

  • -Aktualisiert am

Film-Kritik: Sharon Stone in "Basic Instinct 2" Bild: MGM

Sharon Stone wechselt als Catherine Tramell in jeder Szene Frisur und Klamotten. Doch „Basic Instinct 2“ beginnt zwar mit einem Orgasmus, aber der Rest ist eher ein Coitus interruptus.

          3 Min.

          In Abwandlung der alten Hollywood-Doktrin, wonach man einen Film mit einer Explosion beginnen und dann langsam steigern müsse, könnte man sagen, daß „Basic Instinct 2“ diese Formel beherzigt: Er beginnt mit einem Orgasmus und steigert sich insofern, als einer der Beteiligten dabei umkommt. Dann allerdings ist die Grenze erreicht, weil im Unterschied zum Actionfilm ein erotischer Thriller nicht unbedingt dadurch zu steigern ist, daß auf einen Orgasmus mehrere oder bessere Orgasmen folgen.

          Es beginnt also damit, daß Catherine Tramell mit hundertachtzig Sachen durch London rast, sich den Finger ihres mit Drogen zugedröhnten Begleiters zwischen die Beine steckt und im Moment höchster Ekstase mit ihrem Sportwagen von der Straße abkommt und in die Themse rast. Sie kann sich befreien, der Begleiter geht unter, und die Aufregung ist schon deswegen groß, weil es sich dabei um einen Fußballstar handelte und das Szenario seines Todes in Catherine Tramells letztem Kriminalroman schon beschrieben ist. Die Thriller-Fortsetzung lebt also von derselben Fragestellung wie das Original: Sind die blutigen Erfindungen der Schriftstellerin Drehbücher fürs eigene Tun, oder ist sie nur Opfer eines Nachahmers, der sich hinter ihren Romanen versteckt?

          Die Geburt eines weiblichen Stars

          „Basic Instinct“ war 1992 eine ziemlich clevere Lesart von Hitchcocks „Vertigo“, in dem ebenfalls ein schuldzerfressener Cop in San Francisco dem Bild, das er sich von einer Frau macht, auf den Leim geht. Seinen Ruhm verdankte Paul Verhoevens Film aber natürlich der Geburt seines weiblichen Stars, der als „fuck of the century“ ins Sprüche-Repertoire der Filmgeschichte einging, und jener Verhörszene, in der Sharon Stone ihre Beine übereinanderschlägt und entblößt, daß sie keine Unterwäsche trägt. Zum Mythos dessen, was die Amerikaner so possierlich „beaver shot“ nennen, gehört natürlich auch, daß die Schauspielerin immer behauptet hat, ihr Regisseur habe sie über seine wahren Absichten getäuscht.

          Der Feministin Camille Paglia war das allerdings egal. Ihr gefielen die Szene und der Film so gut, daß sie auf der DVD- Edition sogar einen Audiokommentar sprach, in dem sie Catherine Tramell mit heidnischen Göttinnen verglich, die durch die Zurschaustellung ihres Geschlechts die Männer zerstören konnten. Tatsächlich war Sharon Stones Performance in „Basic Instinct“ der stärkste Auftritt einer Frau im Film seit den Zeiten des Film noir. Und der ganze Witz des Films bestand darin, daß sie mit ihrer selbstbestimmten, aggressiven Sexualität einen so virilen Star wie Michael Douglas zum Hampelmann degradierte.

          Im Netz der Femme Fatale

          Das Problem von Michael Caton-Jones' Fortsetzung ist, daß diesmal der Hauptdarsteller David Morrissey schon von vornherein eine so blasse Figur ist, daß man sich keinen Moment lang wundert, wenn er bald im Netz der Femme fatale zappelt. Ihr Opfer ist diesmal nicht Polizist, sondern Kriminalpsychologe, ohne daß dabei mehr herausspringen würde als das übliche Freud-Porträt an der Wand, eine Ansammlung von phallischen Symbolen (Norman Fosters kegelartiges Swiss-Re-Gebäude mit eingeschlossen) und der Befund, die Frau leide unter Risikosucht, die sich gleichermaßen aus Allmachtsphantasien und Auslöschungsängsten speise.

          Diese Art von Seelenerforschung ist schon deswegen nicht sonderlich ergiebig, weil Catherine Tramell ein Trugbild ist, das sich vor allem aus männlichen Kastrationsängsten speist und daß von der Figur nicht viel übrigbleibt, wenn man versucht, ihr Geheimnis zu ergründen. Sie ist ein aus den Heroinen des Film noir zusammengesetztes Konstrukt, das deren Vokabular der Neuzeit angepaßt hat.

          Nicht wirklich vorteilhaft

          Unglücklicherweise haben die Filmemacher versucht, diesen Oberflächenreiz dadurch zu unterstreichen, daß Sharon Stone in jeder Szene mit neuer Frisur und anderen Klamotten auftritt, die sie dem Pressetext zufolge zwar selbst mit ausgesucht haben soll, die aber deswegen nicht wirklich vorteilhafter wirken. Sie erzählen dann eben doch von einer Frau, die mit ihrem Alter mehr Probleme hat als nötig, und der Film vermeidet dieses Thema geradezu panisch, obwohl es ja nicht uninteressant wäre zu fragen, was die vergangenen vierzehn Jahre mit ihr angestellt haben.

          Eine Art, damit umzugehen, wäre so naheliegend gewesen, daß es um so verdrießlicher ist mit anzusehen, wie diese Möglichkeit völlig verschenkt wird. Die Besetzung von Charlotte Rampling ließ immer hoffen, „Basic Instinct 2“ handele irgendwie von einem Kampf der Amazonen und werde zwei Frauen aufeinander loslassen, die verschiedenen Generationen angehören, aber einander in jeder Hinsicht gewachsen wären. Zu sehen, wie sich Sharon Stone mit dem stahlblauen Blick von Charlotte Rampling mißt, wie sie mit dieser Seelenverwandtschaft umgeht und was die beiden über Männer zu sagen haben, hätte unbedingt im Zentrum des Films stehen müssen. Statt dessen ist Rampling als Kollegin des Psychologen nur eine Nebenfigur, die eher altjüngferlich verschreckt auf das Auftauchen ihrer Konkurrentin reagiert. So beginnt der Film zwar mit einem Orgasmus, aber der Rest ist eher ein Coitus interruptus.

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