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Kino : Unglaubwürdig: Steven Spielbergs „München“

Filmkritik: Eric Bana in "München" Bild: FAZ.NET mit Material von United International Pictures

Steven Spielbergs Film über das Olympia-Attentat 1972 wird historische Fahrlässigkeit vorgehalten. Der Vorwurf ist absurd. „München“ scheitert vielmehr an filmischer Ungenauigkeit.

          4 Min.

          Der Streit tobt seit Wochen, die Argumente sind ausgetauscht, das Ergebnis ist klar: Steven Spielberg hat mit „München“ keine Dokumentation über die Racheaktion des israelischen Geheimdienstes gegen die Attentäter der Olympischen Spiele von München 1972 gedreht, die fiktiv und dennoch faktentreu wäre.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Hatte wirklich irgend jemand gedacht, das sei sein Ziel gewesen? Die Quellen, aus denen sich das Drehbuch von Tony Kushner und Eric Roth vor allem nährt, sind fragwürdig, was sowohl für das Buch „Vengeance“ von George Jonas als auch für den Mann gilt, der als Vorbild für die zentrale Filmfigur diente und dessen Identität Spielberg nicht preisgeben will. Weitere Recherchen fanden nicht statt. Man darf vermuten, daß das nicht an Unvermögen oder fehlendem Geld gelegen hat. Spielberg hatte offenkundig kein Interesse an einer historisch einwandfreien Rekonstruktion der Geschehnisse. Er ist Filmemacher, ein sentimentaler dazu, und er hat (spätestens seit „Schindlers Liste“) eine Mission, die er nicht in jedem, aber in jedem zweiten Film zu erfüllen sucht: als guter Mann von Hollywood die Leinwand frei zu räumen für die Schwachen, für die Kinder, die Schwarzen, die Juden.

          Kein skandalöser Standpunkt

          Über deren Schicksal hat er inzwischen, so scheint es und so will er es, die filmische Darstellungshoheit erreicht. Deshalb bekam er von ihrer Seite für diesen Film Schelte: Er relativiere das Unrecht, das damals in München geschehen sei, und setze legitime Gegenwehr mit Terror gleich. Ein absurder Vorwurf, den nur verstehen kann, wer Israel und seine Politik als Sonderfall der Geschichte begreift, den alles jenseits der bedingungslosen Zustimmung in seiner Existenz gefährde. Spielberg hat einen kleinen Blick zur Seite gewagt und dabei festgestellt, daß Gewalt auch in denen, die sie ausüben - selbst wenn sie Israelis sind -, verheerende Folgen haben kann.

          Seine Sorge gilt dem inneren Zustand der Juden in Israel, und seine Botschaft ist so schlicht wie seine Beobachtung über die Folgen des Tötens: Solange auf beiden Seiten das Morden nicht aufhört, wird ein Frieden im Nahen Osten unmöglich sein. In Hollywood, wo Moral bevorzugt in solchen Tautologien daherkommt, sollte das kein skandalöser Standpunkt sein. In Europa schon gar nicht. Und radikaler wird Spielberg an keiner Stelle. Wir können also, wenn „München“ heute in den deutschen Kinos anläuft, die ganze Kontroverse hinter uns lassen. Zu fragen bleibt allein - was macht Spielberg da, und wie ist der Film?

          Brillanter Spannungsaufbau

          Lang vor allem, und er kommt einem noch länger vor. Dabei ist der Anfang überaus brillant in seinem Spannungsaufbau, wie man es von einem der begnadetsten Kinohandwerker unserer Tage erwarten darf. Eine Gruppe junger Männer klettert über einen hohen Zaun ins Olympische Dorf, als hätten sie irgendwo in München über die Sperrstunde hinaus gefeiert wie ein paar andere, denen sie begegnen. Einmal im Dorf, schälen sie sich blitzschnell aus ihren Klamotten, bis sie ganz in Schwarz vor uns stehen, ziehen aus ihren Sporttaschen Maschinenpistolen und Munition und stürmen das Gebäude, in dem das israelische Team schläft.

          Kurz darauf benutzt Spielberg zum ersten Mal Fernsehaufnahmen von damals, um sie zwischen seine Spielhandlung zu schneiden, und im Verlauf des Films greift er immer wieder auf diese zurück und vermixt sie mit gestellten Szenen, um den Fortgang der Geiselnahme zu zeigen und dramaturgisch auszubeuten - die Erschießung von erst einem, dann dem zweiten Sportler und schließlich das desaströse Ende auf dem Flughafen, als die restlichen Geiseln und fünf Attentäter getötet werden. Man kann das einen geschickten Umgang mit Dokumentarmaterial, man kann es aber eben auch Ausbeutung in einem Actionfilm nennen, der ohne dieses Material seine Spannung nicht halten kann.

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