https://www.faz.net/-gs6-noyj

Kino : Stimme aus der Finsternis: „Ray“

  • -Aktualisiert am

Film-Kritik: Jamie Foxx in "Ray" Bild: United International Pictures

Mit „Ray“ hat Taylor Hackford dem großen, hemmungslosen Künstler Ray Charles ein Denkmal gesetzt, das selbst ein großes Kunstwerk ist. Der Charles-Darsteller Jamie Foxx spielt die Rolle seines Lebens.

          5 Min.

          Ein Witz über den amerikanischen Soulmusiker Stevie Wonder geht so: „Mister Wonder, macht es Ihnen eigentlich etwas aus, blind zu sein?“ Antwort: „Nein. Hauptsache, ich bin kein Schwarzer.“ Stevie Wonder kam praktisch blind auf die Welt und hatte ein Vorbild: Uncle Ray.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser wußte, was ihm abhanden kam, als seine Augen durch den grünen Star immer schlechter wurden und eines Tages gar nichts mehr sahen. Das geschah, als er sechs oder sieben Jahre alt war und kurz nachdem er mit angesehen hatte, wie sein jüngerer Bruder in einem Waschbottich ertrank. Man ist geneigt, die Erblindung in einen mythischen Zusammenhang mit dem Ereignis zu setzen, das Ray Charles zum Einzelkind machte, bevor er Vollwaise wurde.


          Keine Leidensgeschichte

          Das ist reichlich Stoff für ein Leben, und man sollte meinen, daß ein Film, der die Geschichte des vor anderthalb Jahren gestorbenen Musikers erzählen will, nichts anderes sein kann als eine Leidensgeschichte: The Passion of the Genius. Taylor Hackfords Film „Ray“, tatsächlich der erste über das Genie, wie Charles genannt wurde, ist dies nicht geworden. Für einen Filmregisseur ist die Biographie einer bedeutenden Persönlichkeit eine reizvolle Sache; aber wenn die Biographie aus lauter Musik besteht, kann sie schnell heikel werden. Oliver Stones „Doors“-Film geriet trotz aller Virtuosität zu einem Dokument der Selbstgerechtigkeit, was vor allem am Infantilismus der sechziger Jahre lag, von dem Stone sich nicht distanzierte.

          Hackford hat eine dankbarere Aufgabe. Ray Charles, Jahrgang 1930, begann seine Karriere in einer Zeit, die für Kindereien nichts übrig hatte. Wer etwas werden sollte, von dem waren Professionalität und Härte, Stilwillen und Beharrlichkeit gefordert. Für „Ray“ hat das die Konsequenz, daß sein Zuschauer von dem, was man ihm an Idealen unterstellen möchte, verschont bleibt - Ray Charles hatte nie welche, und Taylor Hackford weiß das. Seine Hingabe an die Musik, auch eine Folge der Blindheit, übertraf die der meisten anderen Unterhaltungskünstler des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Die Rücksichtslosigkeit des Genies

          Um sie in ihrer sublimsten und zugleich zerstörerischsten Form zu erleben, sollte man sich Hackfords Film anschauen. „Ray“ singt das bitter-herbe Lied von der Magie und Rücksichtslosigkeit des Genies ohne jede Beschönigung, die Ray Charles, der die Fertigstellung nicht mehr erlebte, sich auch verbeten haben soll. Im Vorspann sehen wir zwei schlanke Hände, die auf dem Elektroklavier den Anfang von „What'd I Say“ spielen, Ray Charles' wichtigstem Lied, nicht nur wegen seiner nervös pulsierenden Art, sondern vor allem wegen seiner Funktion als Tabubruch.

          Der Song eröffnete Ende der fünfziger Jahre neue Dimensionen erotischer Mitteilung. Das Frage-Antwort-Spiel, das der Sänger mit seinem weiblichen Backgroundtrio „The Raeletts“ - die so hießen, weil jede von ihnen den Meister erst einmal an sich ranlassen mußte - trieb, steigerte sich bis zur Atemlosigkeit und lud die Musik mit einer Energie auf, die religiösen Hörern als wenig heilig erschien. Der Bluessänger Big Bill Broonzy sagte damals: „Er hat eine gute Stimme, aber es ist eine Kirchenstimme; er sollte in der Kirche singen. Blues und Spirituals zu singen ist verwerflich.“ Der Film vermittelt die Tatsache, daß der Gescholtene anderer Meinung war, auf einleuchtende Weise: Ray Charles fragt seine nach dem Vorspiel entsetzte zukünftige Frau Della Bea (Kerry Washington), wie denn etwas so Natürliches wie die Liebe Sünde sein könne.

          Lebenslanges Auftrittsverbot

          Im Jahr 1948 steht ein junger Mann, der gerade die Blindenschule absolviert hat, an einer Bushaltestelle irgendwo in Florida. Er will nach Seattle. Der Fahrer nimmt ihn erst mit, als der junge Mann ihn mit der Auskunft belügt, er habe sein Augenlicht beim Kriegseinsatz in der Normandie eingebüßt. Seine Blindheit mag Ray Charles stumpf gemacht haben gegen den Rassismus der Südstaaten. Aber später sehen wir, wie sich sein Fatalismus gegen die Schwarzenhasser kehrt. In Georgia sagt er ein Konzert ab, nachdem ihm Aktivisten ins Gewissen geredet haben, und wird mit lebenslangem Auftrittsverbot bestraft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          TUI hatte in mehreren Schritten 61 Maschinen der 737-Max-Reihe bestellt, von denen 15 infolge von Flugverboten am Boden bleiben mussten.

          F.A.Z. exklusiv : TUI und Boeing einigen sich auf Schadenersatz

          Nicht nur die Corona-Pandemie macht TUI zu schaffen – auch das teure Debakel um die 737 Max lastete bis zuletzt auf dem Reisekonzern. Nun aber gibt es zumindest eine gute Nachricht in der Krise.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.