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Kino : Schauspielwunder: Lavinia Wilson in „Allein“

  • -Aktualisiert am

Film-Kritik: Lavinia Wilson in "Allein" Bild: FAZ.NET mit Material von Zorro Film GmbH

„Allein“ heißt der Film, und er lebt ganz und gar von seiner Hauptdarstellerin. Lavinia Wilson spielt mit aufregender Präsenz in Thomas Durchschlags Debüt eine anstrengende Frau, die doch nur ein nettes Mädchen sein will.

          Wenn ein Film „Allein“ heißt, dann ist es kein Wunder, wenn er ganz und gar von seiner Hauptdarstellerin lebt. Lavinia Wilson wurde für ihre Rolle schon mit einem Nachwuchspreis in Saarbrücken ausgezeichnet, und nach Lage der Dinge wird man noch öfter von ihr hören. Und auch ihr Regisseur Thomas Durchschlag beweist bei seinem Debüt mehr als nur ein bemerkenswertes Gespür für die aufregende Präsenz seiner Heldin.

          Es beginnt im Bett. Aber nach dem Sex wirft Maria ihren Lover aus der Wohnung. In einem seltsamen Stimmungsumschwung verkehrt sich die körperliche Intimität in heftige Abwehr. Der Mann (Richy Müller) ist es offenbar gewohnt, nimmt seine Sachen und geht. Aber das ist das Thema des Films - die Labilität seiner Heldin, die Gier nach körperlicher Zuneigung, die Angst vor emotionaler Zurückweisung, ein selbstzerstörerischer Wankelmut, der offenbar pathologisch ist, aber nicht benannt wird.

          Alkohol und Drogen

          Stückweise erfährt man, daß Maria mal einen Therapeuten besucht hat, daß sie eine schwierige Beziehung zu ihrem Vater hat, daß sie sich mit Rasierklingen selbst versehrt und mehr Alkohol und Drogen zu sich nimmt, als ihr guttut. Das klingt so, als sei hier der deutsche Film mal wieder ganz und gar bei sich, aber Durchschlag verzichtet auf die üblichen Erklärungsmuster und vor allem darauf, im irrlichternden Verhalten eines gegen das andere aufzurechnen. Der Zuschauer muß schon selbst zusehen, wie er seinen Frieden mit Maria macht.

          Sie ist Studentin, arbeitet in der Bibliothek, schnauzt ihren Vorgesetzten an, der ihren Lebenswandel kritisiert, läßt einen braven jungen Mann (Maximilian Brückner) abblitzen, der in der Mensa an ihren Tisch kommt, geht mit der besten Freundin (Victoria Mayer) in die Disco, angelt sich den nächstbesten, der ihr schöne Augen macht, treibt es mit ihm und läßt ihn dann fallen. Dazwischen blickt sie ins Leere, und weil ihr nicht gefällt, was sie da sieht, läßt sie die Leere mit Wodka zulaufen. Oder läßt sich von dem Mann vom Anfang aushalten, der ihr auf seltsame Weise gewachsen ist. Daß sie ihn in jeder Sekunde spüren läßt, worauf ihr Verhältnis basiert, scheint ihm nicht nur nichts auszumachen, sondern ihn sogar zu beflügeln. Nachdem sie ihn ein für allemal vor die Tür gesetzt hat, kommt sie eines Abends doch wieder, stellt sich in einer Bar neben ihn an den Tresen, motzt ihn an und läßt sich dann doch willig von ihm verführen. Wie Richy Müller und Lavinia Wilson das spielen, gehört schon zu den besseren Momenten im deutschen Kinojahr.

          Eine Sensation

          Lavinia Wilson ist ohnehin eine Sensation. Manchmal ist ihr Gesicht so spitz wie das von Nicole Kidman, dann wieder so durchscheinend verletzlich wie das von Julianne Moore, und wenn es nicht diesen Film schon gäbe, müßte man hoffen, daß einer käme und ihr Geschichten auf den Leib schreibt. Selbst der blasse Jüngling an ihrer Seite, der nur das Beste will und ihrer selbstzerstörerischen Art kaum gewachsen ist, fällt da kaum ins Gewicht, sondern dient mit seiner Sanftheit dazu, Wilsons Konturen noch schärfer zu zeichnen.

          Man könnte sagen, daß die Wände der Wohnung vielleicht allzu schick sind und die ganze Geschichte einen etwas zu aufgeräumten Eindruck macht, aber wie Durchschlag die Lebensgier gegen die gleichförmige Ödnis einer deutschen Mittelstadt stellt, wirkt schon sehr überzeugend. Und Lavinia Wilson leuchtet geradezu in diesem Krankheitsbild einer anstrengenden Frau, die doch nur ein nettes Mädchen sein will.

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