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Kino : Nicht ganz nach der alten Schule: „Die Unglaublichen“

Film-Kritik: 'Mr. Incredible' in "Die Unglaublichen" Bild: Walt Disney Pictures

Vorsicht, Mensch! Ein neues Themenfeld für den Trickfilm ist nun eröffnet: Nach dem Tier-Trickfilm „Findet Nemo“ bringt Pixar seine meisterhafte Superhelden-Parodie „Die Unglaublichen“ ins Kino.

          Es klingt ebenso unglaublich wie der Name des Films: Noch nie ist ein langer Trickfilm über Superhelden angefertigt worden. Gut, da gab es in den Jahren 1941 bis 1943, als sich sämtliche damals gängigen Medien (Zeitungen, Bücher, Radiostationen, Kino) an den Erfolg der "Superman"-Hefte anhängen wollten, natürlich auch eine siebzehnteilige Trickfilmreihe, die den Mann aus Stahl auf jeweils zehn Minuten Zelluloid bannte; aber gegenüber der ambitionierten Konkurrenz von Disney, Warner oder MGM hatte das Produkt der heruntergewirtschafteten Fleischer-Studios, die 1942 an Paramount verkauft und in "Famous Studios" umbenannt wurden, nichts zu bestellen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Allein der Versuch, einen menschlichen Helden gegen die Phalanx der populären funny animals à la Mickymaus, Bugs Bunny oder Tom & Jerry ins Rennen zu schicken, hat heute noch etwas rührend Antiquiertes. Da machte es sich ein Studio leicht.

          Mit wehendem Haar gescheitert: "Final Fantasy"

          Mittlerweile ist das anders: nichts Schwereres, als Menschen zu animieren. Gespürt hat man das in der Branche schon immer. Der Kunstgriff, die schwarze Haushälterin bei "Tom & Jerry" immer nur bis zur Höhe der Waden durchs Bild stampfen zu lassen, fand noch in "Ice Age" aus dem Hause Twentieth Century Fox vor zwei Jahren seine konsequente Fortsetzung darin, daß zwar Menschen in voller Gestalt auftraten, aber im Gegensatz zu den Tieren in den Hauptrollen kein Wort sagten. So wich man der direkten Konfrontation zwischen hyperaktiven Cartoon-Charakteren und qua Rolle an die Gesetze der Physiognomik gebundenen Figuren aus. Menschen waren Staffage.

          Bei ihrer Darstellung scheidet sich die Perfektion vom Können. Bestes Beispiel dafür ist immer noch Hironobu Sakaguchis "Final Fantasy", der sich vor vier Jahren viel darauf zugute hielt, daß seine Programmierer in Tausenden von Rechnerstunden die wehenden Haare der Heldin so vollkommen animiert hatten. Leider wurden darüber Plastizität und vor allem Gewicht ihres Körpers und der anderen Akteure völlig vergessen; heraus kam eine seltsam aseptische Darstellung, die gerade im Bemühen um Realismus unmenschlicher wirkte als alles, was zuvor auf diesem Feld probiert worden war. Dagegen haben Superhelden den Vorzug, daß sie ohnehin nicht an die Grenzen der Realität gebunden sind, Körper haben, die jeder Beschreibung spotten, und Kräfte, die allen Naturgesetzen hohnsprechen: Sie sausen glatt durch steinerne Mauern, knabbern Eisenträger wie Keks und können unter der Erde robben wie ein Maulwurf mit Außenbordmotor.

          Die Kollateralschäden der Superhelden-Einsätze

          Das alles und noch viel mehr zeigt uns der neue Pixar-Trickfilm "The Incredibles". Allerdings in ungewohnter Konstellation, denn seit den Exzessen der Familie um Captain Marvel, die in den späten vierziger Jahren nicht nur eine Mrs. Marvel, sondern gleich auch Marvelboy und -girl sowie einen Marvelhund hervorbrachten, ehe ein Plagiatsprozeß diesen Irrweg unfreiwillig beendete, hat es keine so traditionelle Gemeinschaft von Superhelden mehr gegeben. Mr. Incredible alias Robert Parr heiratet seine Kollegin Elastigirl, die dadurch im bürgerlichen Leben zu Helen Parr wird und die gleichsam mit Superkräften ausgestatteten Kinder Violetta, Flash und Jack-Jack zur Welt bringt.

          Leider muß die Familie Capes und Masken an den Nagel hängen, denn durch eine Welle von Schadensersatzklagen, die von den Opfern der Einsätze diverser Superhelden eingereicht wurden, gerät die Regierung derart häufig in Regreß, daß es sie billiger kommt, die durch unaufgeklärte Verbrechen verursachten Schäden auszugleichen. Seitdem ist das Superheldenwesen illegal (dieses Motiv hat Drehbuchautor Brad Bird aus Alan Moores legendärem Comic "Watchmen" entliehen), aber immerhin sorgt der Staat durch Vermittlung auf bürgerliche Arbeitsplätze für ein Auskommen seiner einstigen Helden.

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