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Kino : Nicht ganz nach der alten Schule: „Die Unglaublichen“

Realismus ist kein Maßstab

Der Reichtum der Bezüge ist schier unermeßlich. Mr. Incredible ist bis in Kostümdetails hinein ein verfetteter Captain Marvel, der nun ausgerechnet als Schadenssachbearbeiter einer Versicherungsfirma den Menschen nur noch dadurch helfen kann, daß er ihnen heimlich Tips gibt, wie sie den Winkelzügen seines eigenen Unternehmens begegnen können. Elastigirl ist eine weibliche Version von Jack Coles "Plasticman", Flash selbstverständlich eine jugendliche Ausgabe des gleichnamigen DC-Helden, Violetta verfügt über Kräfte, die wir aus den "X-Men" kennen, und das Ganze spielt sich ab in Metroville, was die New-York-Parodie Metropolis aus den "Superman"-Comics einfach ins Französische überträgt. Dazu befinden wir uns zu Beginn der Handlung in den späten vierziger und dann später in den sechziger Jahren, was ziemlich exakt den Zeitpunkten von Niedergang und Neubelebung der Superhelden-Comics entspricht.

Man sieht: "The Incredibles" bedient sich bei allen Haupt- und Nebenströmungen des Genres. Und dadurch, daß die Helden wie gewohnt ihre Körpereigenschaften als Waffen einsetzen, fragt kein Zuschauer nach realistischen Bewegungen oder Proportionen. Deshalb entgeht der Film der menschlichen Falle im Animationsgewerbe. Wenn er im Abspann "hair and cloth artists" gesondert auflistet, dann ist das nicht wie in "Final Fantasy" eine Bankrotterklärung, weil man sich nur an Pannen, nicht aber an die gelungenen Illusionen erinnerte, sondern eine Würdigung von Leistungen, die man hier tatsächlich genießen kann. Denn weil man sich auf die ohnehin grotesken Körper nicht konzentrieren muß, kommt die Virtuosität des Computers im Umgang mit Haaren und Kleidern wirklich zur Geltung. Den endgültigen Ritterschlag geben dann zwei Greise, die zum Schluß auf die Leinwand treten und das Geschehen im Film als "ganz nach der alten Schule" loben. Diese beiden betagten Herren werden im Original gesprochen von den Disney-Veteranen Frank Thomas, der in diesem Jahr verstarb, und Ollie Johnston.

Locker, konservativ, zeitlos

Wie beim Pixar-Vorgänger "Findet Nemo" ist über der technischen Perfektion allerdings die Geschichte etwas in Vergessenheit geraten. Zwischendurch hat der Film etliche schwache Momente, doch seine ironische Haltung zu Beginn und Ende gleicht das allemal aus. Es ist das lockerste, am wenigsten auf moralische Werte verpflichtete Werk von Pixar, denn wo die Familie im Mittelpunkt des Geschehens steht, muß man den Zusammenhalt der Protagonisten gar nicht erst begründen. Insofern ist es auch der konservativste Pixar-Film, auch des zeitlichen Rahmens wegen, aber gerade das läßt ihn zeitlos wirken wie sonst nur "Die Monster AG".

Nach dem beispiellosen Erfolg von "Findet Nemo" ist "The Incredibles" das letzte Werk des Studios, das noch von Disney vertrieben wird und dem einstigen Musterbetrieb des Genres dadurch eine fette Einnahme bescheren wird, die die eigenen Filme längst nicht mehr erwirtschaften. Von nun an wird auch Disney alle seine Trickfilme nach Pixar-Vorbild dreidimensional am Computer entstehen lassen; doch ob dadurch noch einmal ein solches Laboratorium der Animation geschaffen werden kann, wie es hier ehedem bestand, darf man bezweifeln. Wer immer heute im Trickfilm Maßstäbe setzt, hat irgendwann bei Disney gelernt, natürlich auch Brad Bird, Regisseur und Drehbuchautor der "Incredibles", der noch von Milt Kahl persönlich in die Geheimnisse der "Illusion of Life", wie Walt Disney es genannt hat, eingeführt worden ist. Nun, da fast alle Geheimnisse gelüftet scheinen, muß der Trickfilm sich neue Horizonte suchen, und dabei werden die Geschichten wichtiger sein als die Technik. Also doch zurück zum Menschen - nicht nur zum gezeichneten auf der Leinwand, sondern auch zum verantwortlich zeichnenden im Studio.

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