https://www.faz.net/-gs6-noyg

Kino : Im Spinnennetz der Liebe: „Stolz und Vorurteil“

Film-Kritik: Keira Knightley in "Stolz und Vorurteil" Bild: united international pictures

Die Ballade von den gekauften Herzen: Joe Wrights Jane-Austen-Verfilmung „Stolz und Vorurteil“ mit Keira Knightley ist kein steifer Kostümfilm, sondern ein Wunder an Geschmack und Gefühl.

          Jane Austen hat in ihrem kurzen Leben - sie starb im Juli 1817 im Alter von 41 Jahren - sieben Romane geschrieben. Sechs davon wurden bisher verfilmt, manche drei-, vier- oder gar zehnmal, einer („Northanger Abbey“) nur einmal.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zwei Drittel der insgesamt dreiundzwanzig Austen-Adaptionen sind freilich Fernsehfilme und -serien, nur neun Verfilmungen kamen ins Kino. Dieses Zahlenverhältnis gibt einen wichtigen Hinweis auf den Charakter von Austens Geschichten: Sie sind undramatisch. Oder besser, sie sind dramatisch im Kleinen, pittoresk im Großen, wie es das Fernsehen verlangt. Es geht um Landfräuleins, meist aus niederem Adel, die einen Bräutigam suchen und auch bekommen. Oder nicht bekommen. Oder auf eine Weise bekommen, die der Moral der Zeit widerspricht. Auf dem Weg zur Erfüllung gibt es Verwicklungen, die das Innerste der Figuren nach außen kehren und das Äußere, die Wertvorstellungen der landed gentry und des Bürgertums, nach innen, in die Seele der Heldinnen, als Sehnsucht und Schmerz. Das alles läßt sich im Fernsehen wunderbar darstellen, im Kino dagegen nur schwer.

          Schon zehnmal adaptiert

          „Stolz und Vorurteil“, 1813 erschienen, ist der Filmliebling unter Austens Romanen. Genau zehnmal wurde das Buch seit 1938 adaptiert, freilich nur zweimal für die Kinoleinwand: 1940 spielten Greer Garson und Laurence Olivier Austens widerspenstiges Liebespaar für Robert Z. Leonard, und jetzt hat Joe Wright die Geschichte abermals verfilmt. Auch für diese Bevorzugung gibt es einen guten Grund, denn „Stolz und Vorurteil“ ist sozusagen das austensche von allen Austen-Büchern; es buchstabiert das Fräuleinproblem vollständig aus.

          Um die zentrale Love-Story zwischen Miss Elizabeth Bennet und Mister Darcy herum sind drei weitere Liebes- und Heiratsgeschichten gesponnen, eine romantische, eine prosaisch-graue und eine ziemlich anstößige, so daß der Roman fast etwas Enzyklopädisches hat. Alle Standardsituationen der Austen-Welt, vom verhaltenen Flirt bis zur berechneten Verführung, werden durchgespielt, und wenn Vater Bennet am Ende scherzhaft-resigniert nach Heiratskandidaten für seine zwei (von insgesamt fünf) verbliebenen Töchter ruft, steckt darin auch ein Kommentar zu Jane Austens Erzählstrategie: Alle Gleichungen gehen auf, alle Mädchen kommen unter die Haube, und wer am Ende übrigbleibt, hat seine Verlobung bloß noch vor sich. Die Pfarrerstochter Austen hat übrigens nie geheiratet.

          Kein steifer Kostümfilm

          Mit Joe Wrights Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“, die man nach all den Fernsehfilmen (und nach Ang Lees fliederfarbener Adaption von „Sense and Sensibility“) mit einigem Mißtrauen erwarten durfte, verhält es sich nun so, daß sie nicht nur kein steifer Kostümfilm ist, sondern ein kleines Wunder. Ein Wunder an Geschmack in Ausstattung und Kulisse, an Geschick bei der Besetzung der Rollen, an erzählerischer Ökonomie. Und das, obwohl sie in aller Umständlichkeit zur Sache geht, mit ausgedehnter Vorstellung des Personals, mit langen Einstellungen von Salons, Männern in Fräcken und Frauen in Korsettkleidern, mit Klavierspiel und Kutschfahrten und allem anderen, was zur filmischen Literaturdenkmalpflege gehört.

          Es ist nur so, daß all diese Langsamkeiten in Wrights Film genau im richtigen Verhältnis und im passenden Moment auftauchen, so daß die gut zwei Stunden, die er dauert, wie im Flug vergehen. In dieser Beschleunigung verflüchtigt sich womöglich, was dem Austen-Leser als Essenz ihres Schreibens erscheint, das Indirekte, Umweghafte, Vorsichtige ihres Tons. Aber es kommt auch etwas zum Vorschein, was so nur im Kino enthüllt werden kann: das knallhart Kalkulierte, symmetrisch Gegliederte dieses Romans, der vom Tauschhandel mit Geld und Gefühlen handelt, von Herzen, die gekauft, und Seelen, die gebrochen werden.

          Weitere Themen

          Narziss starrt aufs Handy

          Wiener Festwochen : Narziss starrt aufs Handy

          Die Wiener Festwochen erholen sich langsam: Nachdem in den letzten Jahren viele Besucher ausblieben, musste man sowohl Organisation als auch die Künstler hinterfragen. Doch neue Darbietungen geben Grund zur Hoffnung.

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

          Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

          Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.