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Kino : Experiment gelungen: „Schläfer“

  • -Aktualisiert am

Film-Kritik: Bastian Trost in "Schläfer" Bild: Juicy Film

Die Kamera als Gefängnis: Benjamin Heisenbergs faszinierend entrücktes Spielfilmdebüt „Schläfer“ erzählt von einem jungen Mann, der für den Verfassungsschutz einen Kollegen ausspionieren soll.

          3 Min.

          Der Name ist kein Zufall: Der Großvater hat mit einunddreißig Jahren den Nobelpreis für Physik bekommen, und Benjamin Heisenberg ist heute genauso alt. Und da auch der Vater Neurobiologe ist, muß man sich nicht wundern, daß „Schläfer“ im wissenschaftlichen Milieu spielt, unter Doktoranden am Institut für Virologie an der TU München.

          Und schon gar nicht, daß der Film das Klinische einer Versuchsanordnung hat, eine mitunter fast mikroskopische Genauigkeit und eine eigentümliche Bedecktheit im Umgang mit Emotionen. Heisenberg und sein Kameramann Reinhold Vorschneider filmen ihre Figuren, als wären sie nur Nebendarsteller in ihrem eigenen Leben, und genau dieses Lebensgefühl trifft der Film beklemmend genau.

          Die Leere als Hauptdarsteller

          Es passiert fast nichts in „Schläfer“, und doch entsteht selten Leerlauf, weil die Leere selbst eine Art Hauptdarsteller ist. Und weil der Film ziemlich geschickt Spannung aus seiner einfachen Grundkonstellation bezieht. Ein junger Mann namens Johannes Merveldt (Bastian Trost) wird, ehe er seine Stelle als Doktorand an der TU antritt, vom Verfassungsschutz angesprochen: Er soll über seinen algerischen Kollegen Farid (Mehdi Nebbou) Informationen liefern. Johannes lehnt ab, aber der Blick auf die neue Umgebung ist von Anfang an infiziert. Alles, was Farid tut oder läßt, will plötzlich als Zeichen gelesen werden, und selbst die Unschuldsvermutung legt sich klebrig über die sich anbahnende Freundschaft der beiden.

          Der Anfang funktioniert vor allem deswegen so gut, weil der Anwerbungsversuch vom Verfassungsschutz von so bestechender Beiläufigkeit ist und auf das ganze Geheimdienst-Brimborium verzichtet, mit dem das Kino dieses Milieu sonst zeichnet. Gundi Ellert spielt die Verfassungsschützerin statt dessen mit dem enervierend gleichmütigen Tonfall einer Sachbearbeiterin, wie man sie im Münchner Kreisverwaltungsreferat antrifft: das Bedauern über bürokratische Unvermeidlichkeiten in einen warmen bayrischen Dialekt verpackt, der als gesunden Menschenverstand tarnt, was aalglatte Berechnung ist. So unspektakulär und jenseits der ausgetretenen Kinopfade wurde der Teufel noch selten inszeniert.

          Als sei nichts gewesen

          Johannes und Farid sind erst mal zwei Kollegen, die mit verschiedenen Ansätzen am selben Projekt arbeiten und beschließen, vor der Konkurrenz in eine Freundschaft zu flüchten. Man trifft sich zu Renn- oder Ballerspielen, trinkt ein Bier, redet wenig, aber versteht sich gut genug, um sich nicht im Weg zu stehen. Bis die beiden in einer Kneipe die Kellnerin Beate (Loretta Pflaum) kennenlernen, auf die Johannes ein Auge geworfen hat; sie aber verliebt sich in Farid.

          Johannes merkt das zuerst nicht, aber dann spielen sie zu dritt Frisbee im Englischen Garten, die Scheibe fliegt ins Gebüsch, Beate sucht danach, Farid läuft hinterher, und als Johannes dazukommt, weiß er, was los ist. Es gibt ein Gerangel, doch keiner fährt aus der Haut, und hinterher tun alle wieder so, als sei nichts gewesen. Johannes aber beschließt, das Angebot des Verfassungsschutzes anzunehmen. Ein unauffälliges Bürogebäude, die ungerührten Fragen der Verfassungsschützerin, das Bemühen, bei den Antworten das Gesicht zu wahren, ein Umschlag mit Geld. Es gibt eigentlich nichts zu erzählen über Farid, aber der Verrat ist begangen, und alle verbringen weiter ihre Zeit zu dritt. Und immer mehr empfindet man die Kadrierung der Kamera als Gefängnis, dem keiner entkommt.

          Entrückte Frauenfigur

          All das geschieht mit einer Beiläufigkeit, die zum Wahnsinnigwerden ist. Die drei agieren, als habe nichts im Leben wirklich etwas mit ihnen zu tun. Sie tun ihren Job, sie wollen Karriere machen, sie verlieben sich, sie vergehen vor Eifersucht, aber nichts von alledem scheint sich an der Oberfläche ihres Verhaltens abzubilden. Einmal weint Beate, weil sie in der Zeitung eine Todesnachricht liest; später sagt sie, sie habe den Toten gar nicht richtig gekannt, sondern sei an dem Tag nur schlecht drauf gewesen. Einmal schläft sie im Fitness-Club mit Johannes, aber es bleibt für die Beziehung nahezu folgenlos.

          Sie ist wahrscheinlich eine der entrücktesten Frauenfiguren, die es in einer Dreiecksgeschichte je gegeben hat, und die Kamera bringt für sie kaum mehr Interesse auf als sie für sich selbst. Das ist vielleicht nicht einmal ein Mangel oder übertriebenes Kunstwollen, sondern tatsächlich nur gnadenloser Realismus. Und so darf man gespannt sein, welche Versuchsanordnungen Heisenberg in seinem Labor als nächstes ausheckt.

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