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Kino : Ein leuchtender Stern der Science-Fiction: „Serenity“

Film-Kritik: Nathan Fillion in "Serenity" Bild: Universal Pictures

Joss Whedons Science-Fiction-Film „Serenity“ verschmäht die seit Jahrzehnten von George Lucas oder Steven Spielberg ausgetretenen Pfade: Es ist ein kleines, quicklebendiges Meisterwerk.

          Zuerst beruhigt uns die Stimme einer Lehrerin, von der wir glauben, daß sie uns den Film erklären wird, der folgt. Die Stimme sagt, daß im sechsundzwanzigsten Jahrhundert alle bewohnten Welten wohlgeordnet sind und die Regierung weiß, wieviel Sternlein am Himmel stehen, seit Amerikaner und Chinesen die Unendlichkeit untereinander aufgeteilt haben.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dann sticht jemand eine lange Nadel in den Luftballon der Kindheitserinnerung, in dem solche Trostworte daheim sind, und wir befinden uns in einem Folterkeller. Aus dem entkommt das Kind mit knapper Not; aber auch dies ist noch nicht der Anfang, sondern bloß eine Videoaufzeichnung, die sich ein Regierungsagent (Chiwetel Ejiofor) angeschaut hat, um Vorgehensweise und Motivation des geflohenen Mädchens zu studieren. Er muß die hochbegabte River „Gretel“ Tam (Summer Glau), die ihr Bruder Simon „Hänsel“ Tam (Sean Maher) aus dem Hexenhaus der militärischen Verhaltensforschung entführt hat, wieder einfangen.

          Grausige Experimente

          Denn River ist ein Medium, eine Telepathin, die nach grausigen hirnverändernden Experimenten einer Delegation hochrangiger Oligarchen vorgeführt wurde und dabei unabsichtlich ein politisches Wissen aufgeschnappt hat, das die Öffentlichkeit nicht erreichen soll. Der Agent, kein schriller Sadist, sondern ein beherrschter Überzeugungstäter, hält die Aufzeichnung an und fragt leise: „Wo hast du dich versteckt, kleines Kind?“

          Die Antwort, die zu melancholisch-sehnsüchtiger Musik ins Bild schwebt, ist ein schrottreifes Raumschiff: ein gerupfter Vogel aus Metall, Symbol für Abenteuerlust, Frechheit, Mut, Großzügigkeit und Widerstand gegen die Staatsgewalt - die „Serenity“. Hier endlich beginnt die Hauptsache, von der Kundige so begeistert sind wie seit Jahren von nichts, was im Kino passiert ist. Stephen King sagt: „Ich liebe diesen Film.“

          Stets auf dem richtigen Weg

          Er hat allen Grund dazu. Man muß lange in der Erinnerung kramen, bis einem ein Science-fiction-Film einfällt, der an so vielen Stellen, an denen sich das ästhetische Entscheidungsbäumchen für Drehbuch, Dekor und Darsteller gabelt, den richtigen Weg eingeschlagen und das verführerisch Verkehrte, seit Jahrzehnten von Lucas oder Spielberg Vorgemachte verschmäht hat.

          Die Fülle des Erfreulichen im Brennglas: Es gibt hier eine Szene, in der Captain Malcolm Reynolds (Nathan Fillion), der den verfolgten Geschwistern Asyl auf seinem Kahn gewährt hat, mit seiner Ersten Offizierin (Gina Torres) eine Frage von Leben und Tod erörtert. Das Gespräch findet auf dem Korridor der „Serenity“ direkt unterhalb der Brücke statt. Die Frau macht dem Mann Vorhaltungen, er weist sie ab, und genau in dem Moment, in dem der Captain sein kaltes Machtwort spricht, stirbt auch das warme Licht im Fenster und verklingt jedes Geräusch - man hat die Sphäre des irdisch Gesellschaftlichen verlassen und den Weltraum erreicht, wo „The Cold Equations“ regieren, wie Tom Godwins berühmte Erzählung von 1954 heißt, die von exakt demselben ethischen Problem handelt, das in dieser Szene photographiert, belauscht und ausgeleuchtet wird.

          Ein Leuchtkäfer oder die Venus

          Das Erstaunen über unerwartetes Wissen und Verstehen, das die beste Science-fiction stets weckt, verlangt als Auslöser immer den Augenblick der Vertauschung des kalt Kosmischen mit dem heiß Subjektiven, der Heimholung von sternenfern Allgemeinem in erzählbar Besonderes: Ich sitze naß, müde und glücklich auf der Veranda, nach dem abendlichen Sommerregen, und weiß eine kostbare Sekunde lang nicht, ob das stecknadelspitze Licht, das mir aufgeht, ein Leuchtkäfer ist oder die Venus. Joss Whedon, der Regisseur und Drehbuchautor von „Serenity“, hat diese Sorte Wunder schon in seiner diesem Film die Erzählvoraussetzungen liefernden Fernsehserie „Firefly“ immer wieder zum Strahlen gebracht und mit dialogischem Witz abgeschmeckt: „Wir werden ein paar leichte Turbulenzen erleben ... und explodieren.“

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