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Kino : Ein Klassiker: Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“

Film-Kritik: Hilary Swank in "Million Dollar Baby" Bild: Warner Bros.

In seinem oscargekrönten „Million Dollar Baby“ befreit Clint Eastwood das Kino von dem Ballast, der sich mit den Jahrzehnten aufgehäuft hat. Der Film konzentriert sich völlig auf die Geschichte und auf die Figuren.

          4 Min.

          Als Clint Eastwood kürzlich zwei Oscars, den für die beste Regie und den für den besten Film, für „Million Dollar Baby“ entgegennahm, machten er und sein Team daraus einen Triumph alter Männer.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Das hatte, da Eastwood Mitte Siebzig ist und einige seiner langjährigen Mitarbeiter noch ein paar Jahre älter, kaum etwas Kokettes an sich; es barg aber auch noch eine tiefe andere Wahrheit, obwohl sie an jenem Abend wahrscheinlich nicht gemeint war: Der ausgezeichnete Film bringt etwas aus der Vergangenheit zurück, aus den Zeiten, als John Ford etwa und Howard Hawks Filme machten, und zwar eine Erzählweise, die klassisch ist und immer klassisch war. Nicht altmodisch, beileibe nicht, aber inzwischen selten. „Million Dollar Baby“ ist ein Film, der sich völlig und ausschließlich auf die Geschichte konzentriert, um die es geht, und auf die Figuren, deren Leben sie ist.

          Deckung ist das wichtigste

          Und diese Geschichte ist zunächst ganz einfach. Eine junge Frau, Maggie, will aus dem Elend der Wohnwagensiedlung ihrer Eltern heraus und findet, obwohl sie eigentlich zu alt dazu ist, im Boxen ihr Talent und die Möglichkeit, sich ein anderes Leben zu erkämpfen. Sie kommt aus dem Süden in einen Vorort von Los Angeles und beginnt im Boxstudio „Hit Pit“ am Rand der Stadt zu trainieren.

          Frankie, dem das Studio gehört und der hin und wieder einen Profiboxer betreut, hält nichts vom Frauenboxen. Maggie aber bringt ihn dazu, daß er sich irgendwann doch ihrer annimmt, am Anfang, um sie von ihrem Ziel abzubringen, dann als Trainer. „Deckung ist das wichtigste“, bleut er ihr immer wieder ein, eine Maxime, die nahezu alle Figuren, die Eastwood in seiner langen Karriere gespielt hat, und auch er selbst als Schauspieler immer befolgt haben. Maggie boxt sich von Sieg zu Sieg, beginnt viel Geld zu verdienen, scheint aber noch ein wenig zu zögern, glücklich zu sein. Was dann geschieht, kommt vollkommen unerwartet.

          Nur das Konzentrat

          Von all diesen Wegen und Aktionen sehen wir nur das Konzentrat. Nicht, wo Maggie herkommt, nicht, wie ihre Eltern hausen und wie sie sich benehmen - das erfahren wir erst viel später. Statt dessen sehen wir, wie Maggie in dem Lokal, in dem sie kellnert, verstohlen ein Stück Fleisch einpackt, das auf dem Teller eines Gastes liegengeblieben ist. Wir sehen ihre entschlossene Haltung, als sie das Studio betritt, und Frankies Desinteresse, das an Verachtung grenzt. Doch langsam löst sich diese Härte.

          „Beim Boxen geht es um Respekt“, ist einer von Frankies Standardsprüchen, und daß Maggie das zu verstehen scheint, ist der Boden, auf dem sie sich treffen. Daß zwischen beiden eine Beziehung wächst, ein völlig unanstößiges Vater-Tochter-Verhältnis, verdanken sie darüber hinaus vor allem Scrap, einem ehemaligen Boxer, der Frankies Freund ist und für ihn das Studio in Ordnung hält. Und Scrap ist auch der Erzähler, der sehr eindringliche Erzähler, von dem wir die Geschichte hören, die Paul Haggis auf der Grundlage einiger Kurzgeschichten von F.X. Tool geschrieben hat.

          Eine Fabel

          Wahrscheinlich arbeitet Eastwood so gern mit Morgan Freeman zusammen, der diesen Scrap gibt, weil er sehr leise spielt und in der Stille allein mit körperlicher Präsenz und seinen Blicken eine Figur erschafft. Wenn er spricht, vibriert in seinem weichen Bariton eine innere Energie, die das ganze Boxstudio füllt. Als Erzähler glauben wir ihm jedes Wort. Was er erzählt, ist eigentlich ein Brief, den er schreibt, als die Geschichte vorbei ist. Dieser Rahmen, der „Million Dollar Baby“ so deutlich aus dem Bereich der Wirklichkeit heraushebt und zur Fabel macht, erklärt die gelegentlichen voice-overs, und er ermöglicht ein Ende, das dunkel ist, aber vielleicht nicht ganz hoffnungslos.

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