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Kino : Ein großes Glück: „Inside Man“

  • -Aktualisiert am

Filmkritik: Jodie Foster in "Inside Man" Bild: FAZ.NET mit Material von United International Pictures

Regisseur Spike Lee zeigt, was er alles kann, und große Stars wie Denzel Washington, Jodie Foster und Clive Owen helfen ihm dabei: „Inside Man“ ist eine wunderbare Liebeserklärung an New York.

          3 Min.

          Eine Haßliebe verbinde ihn mit dieser Stadt, hat Spike Lee über New York gesagt, aber natürlich wiegt die Liebe viel schwerer. Niemals würde er wie viele andere aus Kostengründen in Toronto drehen, um es wie New York aussehen zu lassen.

          In seinen frühen Filmen hat er Brooklyn verewigt, mit dem großartigen „25 Stunden“ war er der erste Filmemacher, der nach dem 11. September die verwundete Stadt zeigte, und in „Inside Man“ schafft er es, das Völkergemisch New Yorks zum Gegenstand eines Bankräuberfilms zu machen. Und der Film funktioniert in beide Richtungen: Zum einen ist er eine bemerkenswert pfiffige Variation des Genres, zum anderen eine wunderbare Liebeserklärung an seine Stadt.

          Weil er es kann

          Es geht um nicht weniger als den perfekten Bankraub, und schon am Anfang blickt der Drahtzieher (Clive Owen) direkt in die Kamera und beantwortet gleich selbst die Frage nach seinem Motiv: „weil ich es kann“. Und mit ähnlicher Haltung macht sich Spike Lee an seine Aufgabe, mit großen Stars wie Clive Owen, Denzel Washington und Jodie Foster einen Genrefilm für ein Studio zu drehen: „weil ich es kann“.

          Man merkt ihm an, wieviel Spaß es ihm macht, Vorbildern wie „Dog Day Afternoon“, auf den sich die Polizisten in seinem Film sogar beziehen, seine Verehrung zu erweisen und gleichzeitig eine Nase zu drehen. Denn die Szene mit dem Bankräuber, der von jenseits der Geschehnisse zu uns spricht, ist mehr als nur eine Ouvertüre - Spike Lee macht die Zeitsprünge geradezu zum Motor der Geschichte. Immer wieder sieht man zwischendurch Bilder von den Verhören mit den Geiseln nach ihrer Befreiung, bei denen deutlich wird, daß die Polizei im dunkeln tappt. Aus irgendwelchen Gründen scheinen die Geiseln sogar der Mittäterschaft verdächtigt zu werden. Wie sich diese versetzten Erzählstränge annähern, daraus entwickelt sich die Spannung des Films.

          Cop mit ramponiertem Ruf

          Überfallen wird die Manhattan Trust Bank im Wall Street District, und die Räuber stecken als erstes die drei, vier Dutzend Geiseln in dieselben Overalls, die sie selbst auch tragen, und es wird eine Zeitlang dauern, bis man erkennt, daß darin die Genialität des Plans liegt. Zum Schauplatz wird ein Detective (Denzel Washington) gerufen, der die Chance bekommt, bei den Verhandlungen mit den Geiselnehmern seinen ramponierten Ruf aufzupolieren. Wie Denzel Washington diesen Cop spielt, selbstgefällig, charmant und cool, das ist schon die reinste Schau.

          Besonders wenn er auf Jodie Foster trifft, die hier offenbar sehr viel Geld damit verdient, daß sie Verbindungen bis nach ganz oben spielen lassen kann, und vom Bankgründer (ebenfalls großartig: Christopher Plummer) beauftragt wird, koste es, was es wolle, ein dunkles Geheimnis zu bewahren, das in einem der Bankschließfächer lagert. Auch ihr merkt man das Vergnügen an, in Chanel-Kostüm und auf hochhackigen Schuhen eine Frau zu spielen, die gewohnt ist, zu kriegen, was sie will, und davon überzeugt ist, daß alles nur eine Frage des Preises ist. Ein Anruf, und sie macht den Bürgermeister ausfindig, dem sie die Zusage abringt, sie durch die Absperrungen zu Verhandlungen mit dem Geiselnehmer zu schleusen - der bezeichnet sie wiederum kalt lächelnd als „Fotze“ und meint das als Kompliment.

          Kunstvolle Wendungen

          Spike Lee ist da durchaus in seinem Element, wenn es darum geht, die Machenschaften und Gepflogenheiten hinter den Türen der Macht zu veranschaulichen. Vieles an diesem smarten Thriller verdankt sich natürlich dem Drehbuch des Debütanten Russell Gewirtz, aber es ist Spike Lee, der die kunstvollen Wendungen des Plots anreichert mit dem Lebensgefühl New Yorks, mit jener kraftvollen und manchmal auch explosiven Mischung von Gegensätzen auf den Straßen der Stadt.

          Als es der Polizei gelungen ist, Mikrofone ins Bankgebäude zu schmuggeln, hören sie eine ihnen unverständliche Sprache. Also spielen sie das Band über Lautsprecher ab und fragen die Schaulustigen, ob jemand diese Sprache kennt. Es meldet sich ein Mann, der sie als Albanisch identifiziert. Er selbst könne allerdings nicht übersetzen, aber seine Ex-Frau, die daraufhin herbeigeschafft wird, aber erst mal eine Tüte mit Strafzetteln auf den Tisch stellt, ehe sie sich bereit erklärt zu übersetzen. Es gibt in dieser Stadt eben immer jemanden, der jemanden kennt, der aus einer der entlegensten Gegenden der Welt stammt, auch wenn dann erst mal nachgefragt werden muß, was eigentlich der Unterschied zwischen Armenien und Albanien sei.

          Aber Spike Lee ist ohnehin keineswegs daran interessiert, die Beziehungen zwischen den Rassen und Klassen zu verklären. Eine der Geiseln wird nach der Befreiung von den Polizisten beharrlich als Araber bezeichnet, obwohl er verzweifelt klarzumachen versucht, daß er Sikh sei. Und auch auf seine Bitten, ihm seinen Turban zurückzugeben, weil ihm seine Religion verbiete, ohne Kopfbedeckung zu sprechen, wird mit Unverständnis und Ignoranz reagiert. Genau diese Vielfalt, die auch eine gewisse Blindheit für Unterschiede mit sich bringt, ist es, die sich der Bankräuber zunutze macht. Und so wie der Drahtzieher am Ende doch noch ganz andere Motive hat, als nur zu zeigen, daß er es kann, war es Spike Lee natürlich nie genug, einfach nur seine handwerklichen Fähigkeiten vorzuführen. Aber zu sehen, daß er es kann, ist schon ein großes Glück.

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