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Kino : Ein amerikanischer Albtraum: „Dogville“

Film-Kritik: Nicole Kidman in "Dogville" Bild: Concorde Verleih

Lars von Trier weckt die schlafenden Hunde des Kinos: Einen Film wie „Dogville“ mit Nicole Kidman hat es in Europa noch nicht gegeben. Er beweist, daß auf der Leinwand mehr möglich ist, als der Verstand sich träumen läßt.

          6 Min.

          In diesem Film, in dem es keine Gnade gibt, keine Großherzigkeit, kein Mitleid und keine Versöhnung, gibt es einen Helden. Es ist Moses, der Hund. Drei Stunden lang - denn so lange dauert der Film, aber man merkt es nicht - war er auf ein paar Kreidestriche am Boden reduziert, ein Zeichentier vor einer gezeichneten Hütte, und nur zwei-, dreimal (freilich immer in entscheidenden Momenten) konnte man ihn bellen hören. Aber jetzt, in der Stille nach der Katastrophe, die das ganze Städtchen ausgelöscht hat, in dem der Film spielt - rauchende Trümmer, verkohlte Kreidestriche überall -, bekommt Moses seinen Auftritt. Er erhebt sich aus seiner Unsichtbarkeit und wird endlich richtig Hund. Dogville ist tot, "Dogville" ist aus, Moses lebt. Das ist, nach soviel Menschenelend, Menscheneitelkeit und -gier, der Trost dieses Films: ein befreiendes Gebell.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gibt auch einen Schurken in dieser Geschichte der Gnadenlosigkeit, der engen Herzen, des Hochmuts und der Ausbeutung, und das ist das Licht. Es ist der große Betrüger dieses Films. Während die Menschen in "Dogville" sich ahnungslos selbst belügen, Marionetten am Faden ihrer Ängste und Lüste, lügt und täuscht das Licht, das von oben auf sie herabfließt, mit voller Absicht und ganzem Bewußtsein. Denn der, welcher es scheinen läßt - kein gütiger Gott, sondern ein zu allem entschlossener dänischer Regisseur - weiß genau, daß wir dieser Geschichte nicht willig folgen würden, wenn er sie von Anfang an so aussehen ließe, wie sie wirklich ist. Also zeigt er ein kleines Dorf in mildem Frühlingslicht, eine hübsche, halb verwelkte amerikanische Idylle, und die kauzigen Leute, die sie bevölkern: eine Glasschleiferfamilie, eine Ladenbesitzerin mit ihrer Tochter, ein pensionierter Arzt, ein Blinder, ein Apfelbauer samt Frau und Kinderschar und einige mehr. Und selbst als alle diese Leute sich bis auf die Knochen blamiert haben, als Dogville längst zu einem jener Orte geworden ist, an denen die Menschheit buchstäblich vor die Hunde geht, scheint das Licht immer noch in gleichmütig strahlender Reinheit auf den Schauplatz herunter, als nähme es das Wort "Hölle" bei seinem alten Sinn: "Helle". Hell wie die Hölle ist dieser Film, und erst ganz zum Schluß, als der Rauch der Brände und Gewehrschüsse seine Szenerie verdüstert, wird er so dunkel, wie es seinem Ausgang entspricht.

          Geopferte Unschuld

          Es gibt auch eine Unschuld, die in "Dogville" geopfert wird, aber es ist nicht Nicole Kidmans Grace, die sich aus der großen Stadt in das kleine Dorf geflüchtet hat, zu ihrem und aller anderen Bewohner Unglück - es ist, wie immer bei Lars von Trier, die Unschuld des Kinoblicks. Eine Unschuld, die an Bilder glaubt, als wären sie Emanationen einer höheren Wahrheit; die das Gemachte, Künstliche, Bruchstückhafte der filmischen Einstellung verdrängt, um sich ihren Inhalten desto willenloser hingeben zu können. Kein anderer europäischer Regisseur hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten so hartnäckig an der Zerstörung der filmischen Illusion gearbeitet wie Lars von Trier, von der parodistischen Hypnose, mit der "Europa" (1991) beginnt, über die Fusion von Handkamera und Cinemascopeformat in "Breaking the Waves" (1995) und das Spiel mit der Fiktion in "Idioten" (1998) bis zum hypermotorischen Reportagestil von "Dancer in the Dark" (2000), wo der absichtlich unsaubere Schnitt einen Illusionismus zweiter Ordnung erschafft. Der Ausbruch aus den Konventionen des Kinos war für von Trier immer auch ein Weg zu sich selbst. Wenn nicht alles täuscht, ist er mit "Dogville" an einem Punkt angekommen, von dem aus kein Nachahmer weitergehen sollte, auf einem Gipfel reiner Konstruktion, der vom Abgrund bloßer Methodik nur einen falschen Schritt entfernt ist.

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