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Kino : Dietl in der Unterwelt: „Vom Suchen und Finden der Liebe“

Film-Kritik: Moritz Bleibtreu in "Vom Suchen und Finden der Liebe" Bild: Constantin Film

Von der Schwierigkeit, eine deutsche Komödie für Erwachsene zu drehen: Helmut Dietls Film „Vom Suchen und Finden der Liebe“ zielt auf die perfekte Verbindung von Pathos und Ironie.

          Zwei Eingänge führen in diesen Film, einer über den Mythos, der andere über die Welt der Tatsachen. Und zu den Tatsachen im deutschen Kino gehört, daß es Filme wie die, die der Münchner Regisseur Helmut Dietl dreht, bei uns eigentlich nicht gibt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gibt keine Komödien für Erwachsene, nur Klamauk für Jugendliche und Kinder. Es gibt „Bibi Blocksberg“ und das „(T)Raumschiff Surprise“, die Teenagerplotten des Produzenten Bernd Eichinger („Mädchen Mädchen“, „Harte Jungs“) und die Infantilitäten eines Otto Waalkes („7 Zwerge - Männer allein im Wald“). Dann, kurz hinter der Grenze von Kalau, versiegt die Humorquelle des deutschen Films. Es bleiben einzelne lobenswerte Bemühungen wie Dani Levys „Alles auf Zucker“.

          Und es bleibt das Kinogesamtwerk des Helmut Dietl, von „Schtonk!“ bis zu seinem neuen Film „Vom Suchen und Finden der Liebe“. Wo ein ganzes Genre liegen müßte, steht Dietl allein. Und wo bei anderen sechzigjährigen Regisseuren eine umfangreiche Filmographie verzeichnet ist, stehen bei Dietl drei Fernsehserien („Münchner Geschichten“, „Monaco Franze“ und „Kir Royal“) und ein Kinoquartett.

          Mageres Charisma, holziger Charme

          Bevor man also feststellt, daß Helmut Dietls neuer Film mißlungen ist, müßte man erst einmal darüber reden, warum in ihm das ganze deutsche Kino ein Stück weit mißlingt. In seinem fehlenden Anspruch. In seiner mangelnden Professionalität. In dem mageren Charisma seiner Akteure. In dem holzigen Charme seiner Kulissen. In seinem breitbeinigen Behagen an Weib und Gesang. Es müßte doch möglich sein, einen Film zu drehen, der mit einer Arie von Gluck beginnt und mit einem Sturz in den Hades endet, ohne daß zwischendurch das Niveau unter den Lachgefrierpunkt fällt! Denkt man. Hofft man. Und vielleicht geht es auch wirklich. Aber bei Helmut Dietl hat es nicht geklappt.

          Mit Gluck fängt dennoch alles an. „Che farò senza Euridice“, singt der Tenor, „was mache ich ohne Eurydike?“, und dazu sieht man einen Mann und eine Frau im nächtlichen Berlin, die nach kurzem Zögern sehr wohl wissen, was sie miteinander machen können. Sie gehen gemeinsam essen, er lobt ihre Tischsitten, sie streichelt sein Gipsbein, dann liegen sie zusammen im Bett. Es trifft sich gut, daß Mimi Nachtigal (Moritz Bleibtreu) Schlagerkomponist und Venus Morgenstern (Alexandra Maria Lara) eine ehrgeizige junge Gesangsstudentin ist. Und es trifft sich schlecht. Denn nach einigen Anfangsschwierigkeiten („Sing doch deinen Scheißdreck allein!“) kommt der Erfolg für die goldblonde Sängerin immer noch viel zu schnell. Nach zehn Filmminuten ist es mit der Arbeits- und Lebensgemeinschaft von Mimi und Venus bereits vorbei, so daß Kamera und Regie sich ernsthafteren Dingen widmen können.

          Der erste große Fehltritt

          Das ist der erste große Fehltritt dieses Films: seine Hast. Wovon die Geschichte erzählen will, drückt ihr Titel ja unmißverständlich aus: vom Suchen und Finden der Liebe. Aber bevor die verlorene Liebe gesucht werden kann, in der Ober- wie in der Unterwelt, muß sie ja erst einmal dagewesen sein. Sieben Jahre, sagt eine Erzählerstimme (Elmar Wepper), habe das Glück von Venus und Mimi gedauert, „umgerechnet also zweitausendfünfhundert Tage und Nächte“. Aber man sieht es nicht.

          Und auch Alexandra Maria Lara und Moritz Bleibtreu spielen den Schmerz, der auf die Trennung folgt, so outriert und zugleich seelenlos, als hätten sie die Liebe zwischen ihren Figuren nicht gesehen, nicht erlebt. Sie stellen ihr Leid nicht dar, sie rechnen es um. In Tränen, in Dialogsätze, in Schlagertexte: „Wohin geht die Liebe, wenn sie geht? / Sie war so groß und selbstverständlich da, / ließ sich durch nichts und niemanden vertreiben ...“. So vergehen kostbare Kinominuten, die umgerechnet noch sechzigmal mehr kostbare Kinosekunden ergeben.

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