https://www.faz.net/-gs6-nox5

Kino : Die zweite Erfindung Hitlers: „Der Untergang“

  • -Aktualisiert am

Film-Kritik: Bruno Ganz in "Der Untergang" Bild: Constantin Film

Trotz all seiner Schwächen und Lücken: „Der Untergang“ von Bernd Eichinger und Oliver Hirschbiegel ist ein Meisterwerk. Eichinger ist der erste Künstler, der sich von Hitler nichts mehr vorschreiben läßt.

          Ich wußte viel von Adolf Hitler, aber von Bernd Eichinger wußte ich nichts. Befremdet, wie fast alle Angehörigen meines Gewerbes und meiner Generation, nahm ich zur Kenntnis, daß er einen Film über die letzten Tage Adolf Hitlers zu drehen gedachte. Eichinger war "Rossini" und "Name der Rose" und "Schuh des Manitu", und vor allem war er das, was ich in People-Magazinen über ihn gelesen hatte, ein bundesrepublikanischer Hallodri mit unklaren Wertvorstellungen, Bewohner einer Schickimicki-Welt, die zum Stangl-Wirt nach "Kitz" reist und später in der Luxus-Disco Gläser an die Wand schmeißt.


          Dies alles ist hier zu erwähnen, weil es die Ausgangslage definiert. Kein Bruno Ganz und keine literarische Vorlage hätten eine Chance gegen die Vorurteile, die von der sozialen Erscheinungsform des Produzenten und Drehbuchschreibers hervorgerufen wurden: Eichinger war ja nicht einmal Nachkriegsdeutschland, er war "BRD", er war Starnberg und träumte in den Amplituden, in denen das alte Deutschland träumte, von den "Kindern vom Bahnhof Zoo" bis zur "Unendlichen Geschichte". Eichinger, erfuhr ich, führte nicht Regie (diese führte Oliver Hirschbiegel), sondern hatte auf der Grundlage der Bücher von Joachim Fest und Traudl Junge das Drehbuch geschrieben.

          Eine moralische Aufgabe

          Anders ausgedrückt: Durch Bernd Eichinger würde im Jahre 2004 Adolf Hitler sprechen. Da aus den letzten Bunkertagen nicht viel wörtlich überliefert ist, mußte einiges erfunden werden. An die Schwierigkeit, dies dann auch noch dialogisch zu tun, nämlich in der schlichtweg niemals überlieferten Wechselrede Hitlers mit anderen Personen, wollte man gar nicht denken. Eichingers Aufgabe war eine filmische und literarische und historische und nicht zuletzt eine moralische - vor dem schwierigsten und zutiefst angstbesetzten Themas dieses Landes.

          Bewaffnet mit den Warnungen der Cineasten, versorgt mit den Sottisen von Eichingers Kollegen und wohlausgestattet mit allen Kenntnissen, die ein Nachkriegskind zum "widrigen Thema" angesammelt hat, sah ich einen Film, gegen den ich schon so viele Widerstände aufgebaut hatte, daß es nicht für mich, sondern für den Film eine harte Bewährungsprobe werden sollte. Ungnädiger hat niemand einen Vorführraum betreten und auch nicht selbstgewisser: Es müsse schon Unmögliches geschehen, ehe einem von uns Nachkriegsdeutschen ein Spielfilm über Hitler den Atem nehmen könne.

          Ein Meisterwerk

          Eichingers Film "Der Untergang" ist ein Meisterwerk. Es fällt einem kein anderer Begriff ein. Jawohl, der Film hat Schwächen und sogar Lücken, manche Rollen sind schwach besetzt oder knicken unter der Last des Themas so sehr ein, daß sich die Architektur des Ganzen verändert. Aber Bruno Ganz als Hitler, Corinna Harfouch als Magda Goebbels und Alexandra Maria Lara als Traudl Junge sind die Säulen des Unternehmens. Und halten stand.

          Überaus schwach dagegen die Figur Bormanns, was einer gewissen Logik nicht entbehrt. Ist doch Bormann auch historisch die verschwommenste Figur von allen. Dieser gesichtslose, am Ende wohl zeitweilig sogar mächtigste Mann des "Dritten Reiches" wirkt im "Untergang" nur ängstlich und kaum perfide. Der wahre Martin Bormann hat bekanntlich bis zuletzt seine Intrigen gesponnen; das berühmte Fernschreiben Görings, das erst Bormann zum Verrat umdeutete, und der tatsächliche Verrat Himmlers bleiben, was Bormann betrifft, blaß und ungenau.

          Speer, wie er sich selbst sah

          Weitere Themen

          Worauf es ankommt

          Erinnerung an Hitler-Attentat : Worauf es ankommt

          Am 20. Juli 1944 scheiterte das Unternehmen Walküre, der letzte Versuch, Adolf Hitler zu töten und das NS-Regime zu stürzen. Die Erinnerung an diesen Tag und Stauffenberg, den Mann der Tat, bleibt kontrovers – und damit lebendig.

          Topmeldungen

          Sommer in New York

          Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

          In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.
          Boris Johnson: Favorit auf das Premierministeramt in Großbritannien

          Großbritannien : CDU traut Boris Johnson positive Überraschung zu

          Boris Johnson dürfte heute das Rennen um die Regierungsspitze für sich entscheiden. Aus der CDU bekommt er Lob für seine Intelligenz. Der frühere Premier Tony Blair hält einen Brexit ohne Abkommen für ausgeschlossen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.