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Kino : Die Glut der Verzweiflung: Christian Petzolds „Gespenster“

Bild: Senator

Durch die Beschränkung auf das Nötigste entsteht der Reichtum von Christian Petzolds Filmen. In „Gespenster“ erzählt er von zwei jungen Mädchen und einem Paar, das seine verlorene Tochter sucht.

          2 Min.

          Der Filmregisseur Christian Petzold weiß so genau, was er will, daß es einem manchmal fast unheimlich werden kann. Er wirft ständig Ballast ab, er verknappt, er entschlackt. Und aus dieser Beschränkung auf das Nötigste entsteht der Reichtum seiner Geschichten.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wovon „Gespenster“ erzählt, das ist immer nur eine Möglichkeit, die gerade durch ihre Einfachheit all die anderen Möglichkeiten gegenwärtig und in der Schwebe hält. Da kreuzen sich die Wege zweier Mädchen im Tiergarten, ihre Geschichte kreuzt den Weg eines Paares, bis das eine Mädchen einfach wieder verschwindet und die beiden Geschichten wieder auseinanderlaufen. Als wären da überall nur Phantome gewesen.

          Die Untoten sind verzweifelt

          Man muß gar nicht wissen, daß Petzold an Grimms Märchen vom „Totenhemdchen“ dachte, in welchem einer Mutter ihr totes Kind als Geist erscheint. Wie bei George A. Romero, dessen Filme Petzold schätzt, kommen die Untoten am hellen Tag, aber sie sind nicht gefährlich, sie sind verzweifelt, weil sie einen Ort in der Welt suchen. Und je kühler und strenger Petzold seine Szenen und Bilder konstruiert, desto mehr spürt man die Glut dieser Verzweiflung.

          Man fährt hinein in den Film, über die Berliner Stadtautobahn, Bach und die Stimme des Navigationssystems im Ohr. Man sieht ein französisches Paar, er (Aurelien Recoing) schwer und bedächtig, sie (Marianne Basler) fragil und von dem Gedanken besessen, ihre Tochter, die vor fünfzehn Jahren in Berlin entführt wurde, sei noch am Leben. Die Frau begegnet den beiden jungen Mädchen: Toni (Sabine Timoteo), eine Streunerin, gerissen und schwer zu fassen, und Nina (Julia Hummer), das Heimkind, mit ihrem schlurfenden Gang, die Hände tief in die Taschen vergraben, den Kopf gesenkt.

          Spröde Zärtlichkeit

          Zwischen den beiden Mädchen entsteht eine spröde Zärtlichkeit, die sie selbst nicht wahrhaben wollen, und Petzold hat dafür eine wunderbare Szene gefunden. Für ein Casting ziehen sie auberginefarbene T-Shirts an, auf denen „Freundinnen“ steht, sie setzen sich hin, sie sollen erzählen, wie sie sich kennengelernt haben, und in ihren Geschichten träumen sie sich im Wachsein die Welt zurecht. Am Ende weiß man nicht, ob die Französin vor Trauer ein Gespenst gesehen hat, ob Nina sich in der Vorstellung eingerichtet hat, die verlorene Tochter zu sein - oder ob sie es womöglich ist.

          Petzold tut nie so, als könne er ins Innere seiner Figuren schauen, er beobachtet sie und hält diese Perspektive konsequent durch. Noch im Gegenschuß schaut die Kamera den Figuren über die Schulter, anstatt den subjektiven Blick zu simulieren. Es gibt wohl im deutschen Kino keinen, der mit so viel erzählerischer und visueller Intelligenz so nachdrücklich von Gefühlen erzählen kann, ohne dauernd darüber reden zu müssen.

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