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Kino : Der Traum von der Bühne: „Die Spielwütigen“

Film-Kritik: Constanze Becker in "Die Spielwütigen" Bild:

Andres Veiel, Meister der Beobachtung von Überlebensstrategien, hat über sechs Jahre vier Schauspielschüler mit der Kamera begleitet. Seine Dokumentation ist intim wie nie, aber weniger überraschend als frühere Filme.

          Andres Veiel ist der Meister der subtilen Beobachtung von Überlebensstrategien. Seine Dokumentation über die Schüler seiner eigenen Abiturklasse, den er mit zwanzig Jahren Abstand 1996 drehte, hieß denn auch einfach "Die Überlebenden", und diesen Titel könnte man über alle seine gefeierten Filme schreiben: über die erstaunliche Dokumentation "Balagan" von 1994, die ein gegen alle gesellschaftlichen Widerstände durchgeführtes israelisch-palästinenisches Theaterprojekt begleitete, und natürlich auch über "Black Box BRD", seine filmische Doppelbiographie des von Terroristen ermordeten Bankiers Alfred Herrhausen und des Terroristen Wolfgang Grams, für die Veiel vor drei Jahren alle wichtigen deutschen und europäischen Preise in seiner Sparte gewann.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn nicht die Toten, nicht Herrhausen und Grams, waren die wirklichen Hauptpersonen darin, sondern deren Angehörige und Freunde, die sich unter der Todeserfahrung fangen mußten - und Methoden des Sprechens darüber entwickelt haben, die der eigentliche Gegenstand von Veiels Film geworden sind.

          Sechs Jahre lang dabei

          Seine neuesten vier Überlebenden sind "Die Spielwütigen", ein Quartett von jungen Leuten, die sich 1997 jeweils um die Aufnahme an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch beworben haben. Sechs Jahre lang ist Veiel ihnen mit der Kamera - oder besser: mit sieben Kameraleuten - auf der Spur geblieben, hat sie bei der Aufnahmeprüfung gefilmt, bei der Entgegennahme von Zusage oder Ablehnung, beim Unterricht, im Privatleben, beim Abschluß und schließlich bei den ersten Schritten auf den Brettern, die die Welt ausdeuten. Stephanie Stremler, Karina Plachetka, Constanze Becker und Prodromos Antoniadis heißen die vier Protagonisten, und zwei dieser Namen wird man sich merken müssen. Sie werden die Überlebenden auf der Bühne sein.

          Dem Theaterfimmel sind alle vier schon seit ihrer Jugend erlegen, und wenn man sie bei der Prüfungsvorbereitung zu Hause sieht - Karina Plachetka im Frisiersalon ihrer Eltern, Stephanie Stremler und Prodromos Antoniadis jeweils in den familiären Wohnzimmern -, dann spürt man die Irritation der Angehörigen. Man meint einem Kampf beizuwohnen, der sich gegen das Absterben der Familienbande richtet. Nur Constanze Becker, die im eigenen Dachgeschoß von ihren Eltern besucht wird, um ihre Künste erproben zu können, hat allen Rückhalt genossen: "Es war fast zu einfach", wird sie nach bestandener Prüfung sagen. Und obwohl sie den größten Erfolg der vier während des Studiums hat, wird sie immer unzufriedener, weil alles zu sehr auf eingefahrene Gleise gerät.

          So intim wie nie

          Das kann man über ihre drei Kollegen nicht sagen. Stephanie Stremler gelingt die Aufnahme erst nach mehreren Versuchen. Prodromos Antoniadis eckt mit seiner Egozentrik an, und Karina Plachetka leidet unter der gnadenlosen Bewertung der Dozenten. Nie - und das will einiges heißen - ist Veiel so intim mit seinen Aufnahmen gewesen wie in den Aufnahmen aus dem Schauspielstudium, wenn etwa ein Dozent leichthin eine Probenszene abbricht und den Studenten zuruft: "Jetzt mal mit Talent!" Oder wenn lapidar die Mitteilung erfolgt, daß man das Studienjahr nicht bestanden hat.

          Es gibt keine Schauspielschulromantik à la Sönke Wortmanns "Kleine Haie" in den "Spielwütigen". Schauspielern ist, das wird immer mehr klar, gerade deshalb kein Beruf wie jeder andere, weil den Eleven ihr Verständnis von Berufung erst einmal ausgetrieben werden muß. Nur die von Beginn an professionell kühle Constanze Becker akzeptiert das: "Ich gebe schon eine ganze Menge von mir auf, und ohne das geht es auch nicht."

          Die Überraschung fehlt

          Dennoch fehlt den "Spielwütigen" das überraschende Element der früheren Filme Veiels. Vielleicht, weil er sich mit "Balagan" bereits des Themas Theater in unübertrefflicher Weise angenommen hat, vielleicht auch, weil man die dramaturgischen Prinzipien des Veielschen Dokumentarstils mittlerweile kennt: seine minimale Verschiebung der Gesprächspartner aus dem Bildzentrum oder seine Stimmungsbilder, die jeweils Nebenschauplätze eröffnen und doch zur Charakterisierung der Protagonisten soviel beitragen (Antoniades bei der Anfahrt auf Manhattan, Stephanie Stremler bei ihrer Hochzeit in Israel).

          Was aber noch von keinem Film Veiels gesagt werden konnte, das wird hier zum Problem: Das Private tritt zu stark in den Hintergrund, weil die Faszination für die institutionellen Zwänge und vor allem für die Desillusionierung der vier Stundenten den Film prägt. Besonders deutlich wird das, als Stephanie Stremler, die das sachliche, aber vernichtende Anfangsurteil der Prüfer (Sprachfehler, Koordinationsschwierigkeiten, zu groß) weggesteckt und sich vorgestellt hatte, wie witzig es wäre, erst bei der hundertsten Bewerbung aufgenommen zu werden, an einen Punkt im Studium gerät, über den ihr nur noch die Liebe zu einem israelischen Musiker hinweghilft. Das aber, zentrales Moment in ihrer Biographie, deutet Veiel nur an.

          Vier Überlebende - das sind zu viele für diesen Versuchsaufbau. Es geht ja tatsächlich ums ganze Leben, um all die Jahrzehnte, die der Ausbildung folgen werden. Zwei der Studenten finden Aufnahme bei den Bühnen in Dresden und Leipzig und gehen erkennbar ihren Weg. Die anderen beiden warten ab: ob das Metier noch Herausforderungen zu bieten hat, ob das Private sie mehr interessieren wird. Das sind auch die Fragen, die sich Andres Veiel stellen lassen muß. Als nächstes dreht er einen Spielfilm.

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