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Kino : Der Rauch der Geschichte

Filmkritik: David Strathairn in "Good Night, and Good Luck" Bild: FAZ.NET mit Material von Kinowelt

In „Good Night, and Good Luck“ kämpft ein legendärer Nachrichtenmann gegen Senator McCarthy. In sattem Schwarzweiß, mit warmen Jazzeinlagen und ohne jede Nostalgie zeigt George Clooney die Unbestechlichkeit liberaler Werte.

          3 Min.

          Schwaden von Zigarettenrauch ziehen durch den Nachrichtenraum, die Reporter sind erwachsene Männer in weißen Hemden, Anzügen und Krawatten, und in die Kantine wehen die Klänge einer Jazzband, die irgendwo in der Nähe live vor der Kamera spielt. So wird es zugegangen sein im amerikanischen Fernsehen der frühen fünfziger Jahre, als drei Networks das gesamte Programm bestritten und Reporter und Moderatoren noch an die Würde der Nachricht und die Verantwortung des Mediums glaubten und entsprechend handelten.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          George Clooneys Film „Good Night, and Good Luck“ erzählt eine wahre Geschichte aus jenen Tagen. Sie spielt nahezu ausschließlich in den Räumen der CBS, und der Redlichkeit der Reporter steht ein politisches System gegenüber, das eine hysterisierte Kommunistenjagd inszeniert, Denunziation fordert, üble Nachrede fördert und ein Klima der Angst verbreitet, dem sich auch Teile der Medien nicht entziehen können. Es ist 1953, und Joseph McCarthy, Junior Senator aus Wisconsin, hält seine berüchtigten Anhörungen ab.

          Schwarzweiß, aber nicht nostalgisch

          Kein Grund zur Nostalgie also. Und obwohl „Good Night, and Good Luck“ in einem satten Schwarzweiß daherkommt, die Handlung mit wunderschönen Jazzeinlagen unterbricht und im Vorübergehen in Ausstattung und Requisiten ein Ambiente vorführt, das wiedergängerisch in späteren Moden erneut zu Ehren kam und einige coolness verbreitet, haftet dem Film auch nichts Nostalgisches an. Wir sehen vielmehr in äußerster Konzentration das Team des legendären Nachrichtenmannes Edward R. Murrow (David Strathairn) bei der Arbeit, die Reporter, die ihre Rechercheergebnisse vorstellen, die Konferenzen, die Vorbereitungen auf die Sendung und die stille Aufmerksamkeit, mit der die Mitarbeiter der Live-Aufnahme folgen. Sehen Filmausschnitte des Dokumentarmaterials, das sie in Murrows Sendung „See It Now“ einspielen, authentische Ausschnitte aus den Anhörungen und von Reden McCarthys, die so geschickt montiert sind, als wären sie für diesen Film gedreht.

          Begleiten Murrow und seinen Produzenten Fred Friendly (George Clooney) zum CBS-Boss (Frank Langella), der ihnen eine Weile den Rücken stärkt - und dann nicht mehr. Und hören, wie sie miteinander reden und wie Murrow im Fernsehen spricht: in einem Englisch, das aus dem Kino und erst recht aus dem Fernsehen lange schon verschwunden ist und heute nur noch in sehr viel besseren Kreisen gesprochen wird, das komplexe Sachverhalte in komplexem Vokabular und klar gegliederten Sätzen zu vermitteln vermag und das einem Rhythmus folgt, der dieser Sprache für neunzig Filmminuten ihre Schönheit zurückgibt.

          Wenn gesprochen wird, schweigen die Bilder

          Im Kino kamen solch elaborierte Dialoge regelmäßig aus den Schreibwerkstätten der Studios in den dreißiger und vierziger Jahren, und das mehrfach und auch mit einem Oscar ausgezeichnete Drehbuch, das George Clooney mit Grant Heslov geschrieben hat, knüpft an diese Tradition an, die in den fünfziger Jahren, in denen der Film spielt, schon nicht mehr Standard des Filmemachens war. Aber vielleicht tatsächlich Standard von Sendungen wie Murrows „See It Now“. Clooney jedenfalls vertraut dem Wort. Wenn gesprochen wird, schweigen die Bilder, die Kamera ruht auf den Zuhörern, auf den Monitoren, die den Sprecher zeigen, oder auf dem Sprecher selbst.

          Amerika in den Fünfzigern war ein geteiltes Land. Die Regierung war dabei, einige Grundrechte der Verfassung zu verspielen und bürgerliche Freiheiten zu opfern, um einer vermeintlichen äußeren Gefahr zu trotzen. Gewisse aktuelle Parallelen sind durchaus beabsichtigt. Das Fernsehen, die Medien insgesamt aber standen damals noch für eine Öffentlichkeit, die Aufklärung erwartete und lernen wollte, statt unterhalten zu werden. Das ist jedenfalls die feste Überzeugung von Murray, von der die Verantwortlichen der CBS damals begannen abzufallen. Murrays Sendung wurde, nachdem McCarthy als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses abgesetzt worden war, von seinem angestammten Sendeplatz dienstags abends auf den Sonntagnachmittag verschoben.

          Wie es dazu kam, erzählt dieser Film, und er erzählt nur das, keine menschelnde Geschichten am Rande; nicht einmal über die Hintergründe eines Selbstmords in Murrows Reihen klärt er uns auf, sondern bleibt im Studio und bei den Männern, die einander irgendwann fragen müssen, ob es in ihrer Vergangenheit vielleicht Treffen, Besuche oder Freundschaften gab, die sie in den Augen von McCarthys Männern diskreditieren könnten. Eingerahmt wird das alles von einer Rede, die Murrow auf einem Bankett zu seinen Ehren hält. Was er dort sagt, sind verbürgte Worte des Nachrichtenmanns: „Geschichte ist, was wir aus ihr machen.“ Wer heute fernsieht, weiß, was er befürchtete.

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