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Kino : Der letzte Tango in Hongkong: „2046“

Film-Kritik: Zhang Ziyi in "2046" Bild:

Das Glück des zweiten Mals: Wong Kar-wais „In the Mood for Love“ war die schönste Liebesgeschichte der Welt. Sein neuer Film „2046“ antwortet darauf nun mit einer reicheren, elegischen Schönheit.

          Es gibt immer ein zweites Mal. Jedenfalls dann, wenn man das erste Mal überstanden hat. Jenes erste Mal, das eine große Liebe sein kann oder ein großer Film. Für beide gilt, im Kino wie im Leben, das gleiche: Sie dauern nicht. Der große Film ist nach zwei Stunden vorbei. Die große Liebe kann sterben oder sich verwandeln. Zum Beispiel in eine Erinnerung. Dann wird sie zum Maßstab für alle Lieben, die ihr folgen. So wie der Film, den man geliebt hat, für alle folgenden Filme.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.


          Vor fünf Jahren hat der chinesische Regisseur Wong Kar-wai den schönsten aller Liebesfilme gedreht: „In the Mood for Love“. Die traurigsüße Geschichte von Herrn Chow und Frau Su Li-zhen, die sich kennenlernen, weil ihre Ehepartner sie miteinander betrügen, hätte eigentlich nie aufhören dürfen. Aber nach hundert Minuten war sie zu Ende. Das Leben ging weiter, auch das von Wong Kar-wai. Und so hat er einen neuen Film gedreht: „2046“. Er ist wunderschön - nur nicht ganz so schön wie „In the Mood for Love“. Es sei denn, man hat „In the Mood for Love“ nicht gesehen. Es gibt eben immer ein erstes Mal, im Leben wie im Film.

          Das verlorene erste Mal

          Wong Kar-wai ist sich dessen bewußt. Deshalb hat er „2046“ als Geschichte eines Mannes angelegt, der unaufhörlich auf der Suche nach dem verlorenen ersten Mal ist, nach der großen Liebe, die nicht wiederkehrt. Wir kennen ihn: Es ist Herr Chow. Und die verlorene Liebe, die er sucht, ist natürlich Su Li-zhen. Das Gesicht von Maggie Cheung, die diese Frau in „In the Mood for Love“ spielte, geistert wie eine Fata Morgana durch den neuen Film, man glaubt es in allen Frauen, denen Chow begegnet, zu erhaschen. Und so geht es auch Herrn Chow.

          Man schreibt das Jahr 1966, Chows große Liebe liegt vier Jahre zurück, aber ihre Bilder, ihre Düfte wehen noch durch die Straßen und Hotelflure von Hongkong. Noch immer tragen die Frauen Kleider, die sich wie Blütenblätter um ihre Hälse und Hüften schließen, und noch immer hört man das Klacken ihrer Absätze auf dem nassen Asphalt, wenn man ihnen nachläuft durch die laue Winternacht. Hongkong ist Herrn Chows Hades, ein Reich der Schatten, unter denen er dem Bild seiner Eurydike nachjagt, ohne Hoffnung, sie jemals wiederzufinden, aber auch ohne Gefühl für die Hoffnungen anderer, die er nebenbei zertritt. Und so erzählt auch „2046“ wieder eine traurige Liebesgeschichte. Aber es ist nicht die von Herrn Chow.

          Kein neuer Film ohne den älteren

          Wenn man so wie Wong Kar-wai das Äußerste im Kino wagt, wenn man Filme dreht, die in kein kommerzielles, politisches oder sonstiges Raster passen, muß man achtgeben, daß man seine Werkstattgeheimnisse nicht allzu offen ausplaudert. Deshalb hat Wong in allen Interviews seit der Premiere von „2046“ in Cannes erklärt, er habe schon seit vielen Jahren an diesem Projekt gearbeitet, und „In the Mood for Love“ sei ihm nur irgendwie dazwischengekommen, als Ableger eines größeren Konzepts.

          In Wahrheit ist es wohl so, daß der neue Film ohne den älteren nie entstanden wäre, weil er ohne ihn keinen Erzählkern hätte, kein Sujet. Am Anfang von „2046“ sieht man eine riesige goldfarbene Muschel, auf die die Kamera zufährt, als hörte sie in ihr das Meer rauschen. So ist der ganze Film wie eine Muschel um Maggie Cheung herum gebaut, und wie die Mystiker des Mittelalters webt er um diese unsichtbare Göttin ein ganzes Netz von Zeichen und Verweisen.

          Eine kaputte Seele

          Gleich zu Beginn beispielsweise sitzt der Journalist Chow in Singapur, wohin ihn sein Liebesschmerz getrieben hat, mit einer Frau am Tisch, die ebenfalls Su Li-zhen heißt. Sie wird von Gong Li gespielt, dem anderen weiblichen Superstar des chinesischen Kinos der neunziger Jahre, und sie verbirgt unter ihrem schwarzen Seidenhandschuh eine verstümmelte Hand, so wie Chow (Tony Leung) unter seinen glatten Gesichtszügen eine kaputte Seele versteckt. Bis zu dem Augenblick, in dem Chow diese Frau verläßt, ist nie ganz klar, ob sie real oder nur ein Produkt seiner Einbildung ist. Erst als er sie zum letzten Mal küßt, sieht man, daß sie wirklich existiert. Sie glüht auf und erlischt. Und Chow geht zurück nach Hongkong.

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