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Kino : Das russische Kino ist wieder da: Andrej Swjaginzews "Die Rückkehr"

Film-Kritik: Konstantin Lawronjenko in "Die Rückkehr" Bild:

Andrej Swjaginzews großartiges Filmdebüt "Die Rückkehr" ist ein Erbe jener meisterlichen Filmtradition, die mit der Auflösung des kommunistischen Kinoapparats erlosch.

          4 Min.

          Als es dunkel wird, sitzt der Junge immer noch auf dem Turm. Schon vor Stunden hätte er von hier herunterspringen sollen, zehn, fünfzehn Meter tief ins Meer, wie seine Spielkameraden vor ihm. Aber Iwan hat sich nicht getraut. Er kauert auf der hölzernen Plattform, nackt bis auf die Badehose, und friert. Vom Damm, der den Turm mit dem Festland verbindet, nähert sich eine Gestalt. Es ist seine Mutter. "Komm runter." - "Ich kann nicht. Wenn ich nicht springe, nennen mich alle einen Feigling." - "Ich werde nichts verraten. Komm."

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          "Iwans Kindheit" könnte diese Geschichte heißen, so wie der Film, mit dem Andrej Tarkowski vor vierzig Jahren die Bühne des Weltkinos betrat. Aber sie heißt "Die Rückkehr". Dieser Titel paßt im doppelten Sinn, denn der Film, den Andrej Swjaginzew gedreht hat, erzählt nicht nur von einer Rückkehr, der Wiederkehr des verschwundenen Vaters ins Leben zweier Kinder, sondern er symbolisiert sie auch: die Rückkehr des russischen Kinos auf die Landkarte der Kinematografie. Und er bestätigt eine Erfahrung, die man alle paar Jahre bei der Begegnung mit einem Kinoerstling machen kann: Große Regisseure werden nicht allmählich groß. Sie sind sofort da, wo andere nie hingelangen werden, im ersten Anlauf. Andrej Swjaginzew ist ein großer Regisseur, und "Die Rückkehr" ist sein Debüt.

          Der Blick eines Zwölfjährigen regiert den Film

          Der Anfang des Films setzt den Ton für das, was folgt. Es geht um eine Mutprobe, einen Sprung ins Leere, dorthin, wo das Erwachsensein wartet oder der Tod. Vier Kinder springen vom Turm, eines bleibt zurück, aber die Kamera entfernt sich nicht von ihm, sondern schaut mit seinem Blick auf die davonlaufenden Kameraden. Es ist Iwans Blick, der die Geschichte regiert, und er sieht die Welt mit den Augen eines Zwölfjährigen: als Spektakel der Verwandlungen. Da ist die Kindheit, die langsam zerfällt, so wie die marode Industriestadt, in der Iwan mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder lebt; und, jenseits des Horizonts, das unbekannte Land der Zukunft, in das man nicht träumend und spielend hineingelangt, sondern plötzlich, ansatzlos, mit einem Sprung. Iwan zögert noch, ihn zu tun. Aber ein Feigling will er dennoch nicht heißen, seinen Bruder Andrej, der ihn verspottet, jagter durch die Straßen der Stadt bis zur Wohnung der Mutter.

          In diesem Augenblick taucht Iwans Vater auf. Er kommt aus dem Dunkel einer Vorzeit, die nur durch ein einziges schwarzweißes Familienfoto dokumentiert ist; keines der beiden Kinder kann sich an ihn erinnern, und bis zum Schluß wird der Zweifel, ob er der wahre und richtige ist, durch ihre Köpfe spuken. Als man den Vater zum ersten Mal sieht, ragt er, auf dem Bett liegend, mit den Füßen voran ins Bild, so wie Andrea Mantegna seinen "Toten Christus" gemalt hat. Das ist, natürlich, ein Tarkowski-Zitat (aus "Stalker"), so wie vieles in diesem Film von Tarkowski ist, der Wind in den Bäumen, die Leere des Landes, das die Protagonisten durchfahren, die Namen der beiden Jungen, Andrej, Iwan. Gleichzeitig aber bildet die Einstellung präzise den Kinderblick ab, der auf den schlafenden Vater fällt, die Perspektive der Neugier und der Scheu, aus der Iwan und Andrej ihn betrachten. Und beiläufig, noch kaum entzifferbar, weist sie auch auf das Ende des Films, denn der Vater wird von der Reise, auf die er die beiden Jungen mitnimmt, nicht mehr zurückkehren. So wirkt Swjaginzews Film in allen entscheidenden Momenten immer zugleich symbolisch und real, er hält jene Balance, die im Kino am schwierigsten zu halten ist: zwischen dem, was ein Bild bedeutet, und dem, was man tatsächlich sieht; zwischen Geschehen und Allegorie. Es gibt fast kein Grundthema des jüngeren russischen Kinos, das Swjaginzew nicht anspielt, und doch gewinnt er jedem eine neue, überraschende Klangfarbe ab, als hätte er es gerade erst entdeckt.

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