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Kino : Das Drama der männlichen Sexualität: „Elementarteilchen“

Filmkritik: Moritz Bleibtreu in „Elementarteilchen” Bild: Constantin Film

Der eine der beiden Halbbrüder ist sexuell frustriert und wird verrückt, der andere ist sexuell unerweckt und heiratet. Oskar Roehler hat Houellebecqs „Elementarteilchen“ adaptiert. Wäre der Film doch wenigstens skandalös!

          Zwei ungleiche Halbbrüder. Der eine, Bruno, verheiratet, ein Baby, schreibt wütende, sexistische, penislängenneidische rassistische Pamphlete, die niemand drucken will, ist Lehrer, sexuell frustriert und wird am Ende schließlich, nach einer kurzen Liebe mit tragischem Ausgang, die er mit einer sexpartyerfahrenen Frau in schwarzen Dessous teilt, unheilbar verrückt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der andere, Michael, ist Molekularbiologe, ledig und sexuell unerweckt, dafür ein Genie in seinem Beruf, wo er an der ungeschlechtlichen Fortpflanzung des Menschen herumforscht. Als er erfährt, daß der Sarg seiner Großmutter umgebettet werden soll, fällt sein Kanarienvogel tot von der Stange. Michael entsorgt ihn im Mülleimer. Später schaut er auf dem Friedhof zu, wie die skelettierte Großmutter in mehreren Portionen in einen Plastiksack geschaufelt wird, und begegnet kurz darauf seiner Jugendliebe wieder. Am Ende ist er mit dieser Jugendliebe verheiratet, die durch eine Fehlgeburt unfruchtbar geworden ist.

          Wäre das Ganze wenigstens skandalös!

          So etwa könnte ein Drehbuch aussehen, das ein Drehbuchschreibprogramm ausspuckt, mit parallelen und komplementären Bewegungen und Themen, grellen Gestalten auf der einen, verhuschten auf der anderen Seite, überhaupt keinem Verstand hier, zuviel davon dort. Aber das Drehbuch kam nicht aus dem Automaten, sondern aus der Feder von Oskar Roehler. Er hat den Roman „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq adaptiert, unter demselben Titel für Bernd Eichingers Constantin verfilmt und im Wettbewerb der Berlinale vorgestellt. Jetzt kommt der Film ins Kino.

          Wäre das Ganze wenigstens skandalös! Doch Roehler erzählt mit einer Betulichkeit, die die hundertfünf Filmminuten wie eine kleine lebenszeitvernichtende Ewigkeit erscheinen lassen. Wir sehen Bruno schreiben und gleichzeitig vorlesen, was er geschrieben hat, wir sehen, wie er sein Schreibaby mit einer halben zerstampften Schlaftablette im Fläschchen zum Verstummen bringt, woraufhin das Baby für immer aus dem Film verschwindet. Wir sehen ihn mit einem Verleger, wir sehen ihn vor seiner Klasse stehen, wir sehen ihn mit stierem Blick auf die Hausarbeit einer niedlichen Schülerin masturbieren und dann sie erfolglos anbaggern. Danach ist er offenbar kein Lehrer mehr, aber genau können wir das nicht wissen, jedenfalls geht er keiner geregelten Arbeit mehr nach.

          Er will, daß wir ihn für mutig halten

          Außerdem sehen wir Bruno, einmal auch Bruno und Michael, in Rückblenden, und sehen, wie seine Hippiemutter, die ihn bei seiner Großmutter großziehen ließ, ihn mit dem Cabrio in die Ferien abholt und wie er in der Ferienvilla masturbiert, in ihrem Schlafzimmer mit Blick auf ihr Geschlecht, und auf der Veranda, unter den Blicken einer Katze.

          Auch in ein New-Age-Camp folgen wir ihm und schließlich in einen Sexclub - und an all diesen verschiedenen Orten teilt sich vor allem eines mit: Hier hat nicht nur eine fiktive Figur Probleme, sondern auch der Regisseur. Er weiß nicht, wo er ist. Er weiß nicht, was er erzählt. Er findet Sex, in dieser oder anderer Form Thema all seiner Filme, offenbar in hohem Maße alarmierend. Und will, daß wir ihn für mutig halten, weil er sich dem Thema trotzdem stellt. Dabei wirkt das alles nur verklemmt. Moritz Bleibtreu hat es besser. Er spielt diesen Bruno, wie's geschrieben steht, und hat sich dafür sogar einen Silbernen Bären abholen können.

          Ein großes Drama ohne Ausweg

          Michaels Rolle ist weniger saftig, deshalb sehen wir auch weniger von ihm. Christian Ulmen spielt ihn als unscheinbaren Langweiler ohne jeden Charme, der spät im Film immerhin ein Gefühl in sich entdeckt und dem dann auch folgt, hinein in die Ehe mit seiner ersten und einzigen Liebe. Der Augenblick der Gefühlsentdeckung widerfährt ihm übrigens an der irischen Steilküste, auch dies fraglos ein symbolisch hochbesetztes Terrain.

          Bekanntlich sind Kulturleistungen das Ergebnis von Triebsublimierung, und vielleicht liegt hier der Grund dafür, daß Oskar Roehler künstlerisch im Nirgendwo landet. Mit Bruno bleibt er im Stadium der Nicht- bis Halbsublimierung stecken, was bei Bruno exzessive Onanie, beim Film eine spürbare Aufgeregtheit zur Folge hat. Die männliche Sexualität: ein großes Drama ohne Ausweg außer der Flucht in den Wahn. Vielleicht muß man ein Mann sein, um das volle Ausmaß dieser Tragödie zu ermessen.

          Ob das alles dem Buch gerecht wird, ist keine sehr interessante Frage. Was zählt, ist einzig, ob „Elementarteilchen“, der Film, überzeugt. Die Einkäufer aus über dreißig Ländern sagten auf dem Filmmarkt in Berlin: Ja. Es ist das Privileg der Kritikerin, ohne Rücksicht aufs Geschäft zu sagen: Nein.

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