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Kino : Bis zum Anschlag: „Agnes und seine Brüder“

Video-Filmkritik: Moritz Bleibtreu in „Agnes und seine Brüder" Bild: X-Verleih

In seinem verrückten Melodram „Agnes und seine Brüder“ schickt Oskar Roehler seine Schauspieler auf die merkwürdigsten Trips. Vieles paßt nicht zusammen - und doch fällt der Film nicht auseinander.

          Das einzig Exzentrische am deutschen Kino ist wohl seine Normalität. Keiner möchte auffallen. In Komödien darf nur gelacht werden, Dramen enthalten Dramatik in homöopathischen Dosen, Polizeifilme finden sowieso nur im Fernsehen statt, Genres sind so ordentlich voneinander unterschieden wie die Steuerklassen beim Finanzamt.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Für Emotionen gibt es einen grünen Bereich, und wo die Nadel zu heftig auszuschlagen droht, sollte besser ein Schild stehen: Sie verlassen jetzt den realistischen Sektor. Und dann gibt es noch die Filme von Oskar Roehler, den der Schauspieler Moritz Bleibtreu für einen Berliner Hinterhofregisseur hielt, bevor er das erste Mal mit ihm arbeitete.

          Billig, schrill, hemmungslos

          Roehler hat sich diesen Ruf hart erarbeitet und fühlt sich nicht verkannt. Er schrieb mit Christoph Schlingensief das Drehbuch zu "Terror 2000". Seine ersten Filme waren billig, schrill und hemmungslos und hießen "Gentleman", "Gierig" oder "Silvester Countdown". Nachdem er für "Die Unberührbare" (1999) einen Deutschen Filmpreis bekommen hatte und in der Normalität angekommen schien, mußte Roehler erst mal die Farce "Suck my Dick" drehen und im Auftrag von RTL Hannelore Elsner und Iris Berben aufeinanderhetzen: "Fahr zur Hölle, Schwester", das war sowenig ein leeres Versprechen wie "Der alte Affe Angst" (2003).

          In Roehlers Filmen kehren Menschen ihr Innerstes nach außen, sie stürzen sich in ihre Obsessionen, und meistens gibt es dabei kein Zurück. Roehler hat ein Faible für extreme Gefühle - aber er interessiert sich weder für Psychologie noch für tiefempfundenen Weltschmerz, und das macht seine Filme so schillernd und unberechenbar.

          Geplündert bei Fassbinder

          Er selbst nennt diese Haltung im Gespräch lieber "schräg", und so muß man sich auch nicht wundern, daß sein neuer Film "Agnes und seine Brüder" zugleich ein Melodram und eine Familiengeschichte und eine Travestie ist, daß er gutgelaunt in alle möglichen Abgründe schaut. Seit Fassbinder hat sich keiner mehr ernstlich ans Melodram getraut. Roehler ist deshalb kein neuer Fassbinder, er will es auch gar nicht sein, weil das ziemlich lächerlich wäre. Natürlich hat er Fassbinders "In einem Jahr mit 13 Monden" (1978) geplündert. "Ein Meilenstein", sagt er, "da habe ich mich einfach bedient, weil ich die Geschichte so toll fand."

          Fassbinders Film erzählte von einem Transsexuellen, der sich wegen eines Mannes einer Geschlechtsumwandlung unterzog und von diesem Mann zurückgestoßen wurde. Auch Agnes (Martin Weiß) begegnet dem Mann wieder, um dessentwillen er eine andere geworden ist, auch für sie ist es zu spät, wenn sie ihm im weißen Hochzeitskleid gegenübertritt. Ähnlich wie Fassbinder interessiert auch Roehler sich nicht spezifisch für Transsexuelle. Es geht um die Radikalität einer Liebe und um das scheinbar Unmögliche, das ein Mensch dafür auf sich nimmt. "Agnes ist wie ein Schutzengel für ihre Brüder", sagt Roehler, "aber sie selbst hat keinen Schutzengel mehr."

          Nichts funktioniert in der Gesellschaft

          Das erklärt auch, warum sie als Titelheldin weniger Raum als ihre beiden Brüder erhält und trotzdem präsent bleibt. Roehler hat aber auch noch eine andere Absicht, die dem Film nicht immer gut bekommt. Er will davon erzählen, daß in dieser Gesellschaft nichts mehr funktioniert. Weder Liebe, Sex und Familie noch Behörden und Dienstleistungen. Roehler ist allerdings kein großer Impresario in eigener Sache. Seine Sätze sind lang, er verheddert sich und flüchtet ins Vage. Er weicht nicht aus, aber er ist eben auch keiner, der Filme machte, um Thesen zu bebildern. Zum Glück. Er ist anwesend und scheint seine Sätze doch manchmal von ganz woanders zu senden, während er in seine Kakaotasse schaut. Und auf dem Weg zum Cafe war da ein fast kindliches Staunen, als er an einer Litfaßsäule vorbeikam, von der Agnes und seine Brüder blickten.

          Zu dem Film, sagt er mit raumgreifender Handbewegung, habe ihn alles mögliche inspiriert: Lese-, Lebens- und Kinoerfahrungen. "American Beauty", Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen", sein Onkel, sein Opa und eben Fassbinder. Es geht also um Liebe und Tod, um den Würgegriff, in dem einen die Familie hält, um Sehnsucht, Haß und Anerkennung.

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