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Kino : Auf der Flucht in Australien: „Long Walk Home“

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Film-Kritik: Everlyn Sampi in "Long Walk Home" Bild: Arsenal

Wenn Actionkino bedeutet, eine Verfolgungsjagd spannend zu gestalten, dann ist Phillip Noyce auch in "Long Walk Home" ein Actionspezialist. Doch er brilliert gleichzeitig in der filmischen Kunst, äußere Landschaften als innere zu inszenieren.

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          Als Phillip Noyce vor fünfzehn Jahren aus Australien nach Hollywood ging, brachte er "Todesstille" mit, einen zum Nägelkauen spannenden Hochsee-Thriller, der nicht nur seinen Regisseur, sondern auch die Hauptdarstellerin Nicole Kidman mit einem Schlag berühmt machte. Zuletzt kam „Der stille Amerikaner“ mit politisch bedingter Verzögerung in die Kinos, und diese Woche erscheint "Rabbit-Proof Fence", den der deutsche Verleih absurderweise in "Long Walk Home" umbenannt hat.

          Störende Stars

          "Long Walk Home" ist alles, was "Der stille Amerikaner" nicht ist: ein politisches Dokument, ein ergreifendes Drama - und ein billiger kleiner Film ohne Stars. Zwar gibt es Kenneth Branagh, der den Chief Protector A.O. Neville spielt, den Exekutierer der australischen Rassengesetze, die noch bis in die siebziger Jahre die Internierung und Umerziehung von Mischlingskindern aus Aborigine-Familien ermöglichten. Aber Branagh ist eher eine Schwachstelle des Films, denn er gibt seinem Chefprotektor so viel persönliche Bosheit mit, daß der objektive Sachverhalt beinahe dahinter verschwindet. Rassenbürokratie ist nicht böse, sie ist unmenschlich. Und genau das zeigt "Long Walk Home".

          Drei Mischlingsmädchen, Molly, Daisy und Gracie, werden ihren Müttern im Reservat Jigalong entrissen und tausende Meilen weit in ein Erziehungslager verschleppt. Bei der ersten Gelegenheit fliehen sie. Sie haben keine Chance. Doch dann finden die drei den Kaninchenzaun, den "rabbit-proof fence", der sich von Norden nach Süden wie ein Gürtel über den australischen Kontinent zieht. Sie laufen am Zaun entlang nach Jigalong. Ihre Verfolger haben den Fluchtplan bald durchschaut. Doch es gelingt den Mädchen immer wieder, die Häscher abzuschütteln. Als zwei von ihnen nach neunzig Filmminuten zu Hause ankommen, ist nichts weiter passiert als eben dies: zwei Kinder sind wieder daheim. Aber solange "Long Walk Home" dauert, hält man das für die größte Sache der Welt.

          Ein Actionspezialist

          Wenn Actionkino bedeutet, eine Verfolgungsjagd spannend zu gestalten, dann ist Phillip Noyce auch in "Long Walk Home" ein Actionspezialist. Doch mit diesem Film hat er zugleich eine Möglichkeit wiederentdeckt, die er in "Todesstille" schon einmal virtuos beherrschte: äußere Landschaften als innere zu inszenieren. Je länger die Flucht dauert, desto mehr vermischen sich die Gesichter der Mädchen mit den Farben der Landschaft, sie nehmen die Braun- und Ockertöne der Wüstensteppe an, bis sie selbst als unbelebte Natur erscheinen. So schlagen sie dem Tod ein Schnippchen.

          Und Phillip Noyce schickt mit ihnen eine Botschaft nach Hollywood: seine ganz persönlich Unabhängigkeitserklärung. Auch er ist mit "Long Walk Home" zu Hause angekommen. Und auch diesen Film, dessen Bilder man sich gar nicht karg und rein und asketisch genug vorstellen kann, hat der große Christopher Doyle fotografiert. Es gibt eben nichts, was ein Könner nicht vermag.

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