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Kino : „American Beauty“ in Magdeburg: „Willenbrock“

Film-Kritik: Axel Prahl in "Willenbrock" Bild:

Andreas Dresens Film „Willenbrock“ ist eine Studie darüber, wie ein Leben auseinanderfällt. Axel Prahl als strauchelnder Selfmademan darf wohl erstmals in einer Filmrolle eine erotische Aura aufbauen.

          2 Min.

          Bernd Willenbrock „kommt aus einem Ort, in dem jeder immer gekränkt war“, wahrscheinlich darüber, daß die Farbe der Zukunft wie die der Gegenwart Grau war.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Willenbrock aber, der sich über Trübsinn und Pessimismus immer wunderte, sah die Welt stets farbiger und hat jetzt alles: ein Haus in der Stadt, ein Wochenendhaus auf dem Land, ein großes Auto, eine Ehefrau, die er liebt, eine oder zwei Geliebte, mit denen er eine Menge Spaß hat, und sein Geschäft als Gebrauchtwagenhändler läuft gut. Ein Gewinner im neuen Deutschland.

          Dann geschehen einige unerfreuliche Dinge. Das Geschäft wird überfallen, vier Autos werden gestohlen. Wahrscheinlich waren die Diebe Russen. In seinem Wochenendhaus werden Willenbrock und seine Frau Opfer eines Einbrecherduos, ebenfalls Russen. Ein junges Mädchen, das Willenbrock hofiert hatte, fordert ihn auf, sie in Ruhe zu lassen. Der Staatsanwalt schiebt die Verdächtigen des Überfalls, bei dem Willenbrock verletzt und seine Frau traumatisiert wurde, straffrei ab. Wenige Tage später sieht Willenbrock sie in Magdeburg in einer Autoschlange wieder. Seine Frau verläßt ihn.

          Schleichende Deprimierung

          „Willenbrock“ ist eine Studie darüber, wie ein Leben auseinanderfällt. Wie Sicherheiten sich auflösen. Wie Selbstwußtsein zerbröselt. Ein Fall schleichender Deprimierung, die auch den Zuschauer ergreift. Die Vorlage zu dieser Geschichte, die Andreas Dresen verfilmt hat, stammt von Christoph Hein. Für Dresen ist dies die erste Literaturverfilmung, und die Geschichte ermöglicht es ihm, für ihn neue, für den Zuschauer, der seine bisherigen Filme kennt, ungewohnte ästhetische Entscheidungen zu treffen.

          Der Regisseur macht hier fast alles anders als sonst, und alles ohne Improvisation, ohne Handkamera, in 35-Millimeter-Cinemascope. Die Bilder sind sorgfältig komponiert, es gibt keine Zufälligkeiten, keine Ablenkung, keinen Stillstand. Deutschland, wie Dresen es in Magdeburg erfindet, ist eine aufgeräumte Wohlstandssiedlung, in der selbst der Parkplatz eines Gebrauchtwagenhändlers aussieht, als würde er regelmäßig geputzt.

          Schnee auf dem Dreck

          Vielleicht liegt das am Schnee, der sich auf den Dreck senkt. Immer wieder geht die Kamera in die Vogelperspektive, folgt dem schnittigen Auto Willenbrocks auf seinen Wegen zwischen den Frauen oder schwebt über der Einfamilienhaussiedlung, in der Willenbrock lebt. Ein wenig erinnert das an „American Beauty“, und eine völlig andere Figur als Kevin Spacey dort spielt Axel Prahl hier tatsächlich nicht. Seine Lolita allerdings ist schon zwanzig und heißt Anna (Anne Ratte-Polle), und so tragisch wie „American Beauty“ geht das Ganze dann doch nicht aus.

          Axel Prahl ist also Bernd Willenbrock. Prahl ist kein Schauspieler, der in erster Linie durch Sex-Appeal besticht. Meistens strahlt er in seinen Rollen, sei es als Fernsehkommissar oder Kneipenwirt, eine etwas tolpatschige Bodenständigkeit aus, die er mit einer inneren Scheu zusammen spielt, als wollte er nicht, daß wir seine Gefühle erkennen, lege aber schon Wert darauf, als Gefühlsmensch wahrgenommen zu werden. Genaueres behält er meistens ganz bei sich, deutet nur mit einer ungelenken Geste des Arms eine Ungeduld an, mit einer Kopfneigung Verletzung, in einem harten direkten Blick seinen Zorn.

          Erotische Aura

          Daß er mit dieser Art wirkungsvollem Minimalismus auch eine erotische Aura um sich bilden kann, beweist Prahl bei Dresen in der Titelrolle. Äußerlich unverändert, aber ausgestattet mit dem Selbstbewußtsein des Selfmademan, gepaart mit einem nicht unbeträchtlichen Reservoir an Sprüchen, Gesten, spontanen Einfällen, denen manche Frauen nicht widerstehen wollen, gibt er einen überzeugenden womanizer ab, der Schritt für Schritt, Unglück für Unglück, aus der trügerischen Trance auftaucht, in der er sich für unverletztlich gehalten hat.

          Dresen läßt ihn am Ende nicht fallen. Seine Frau (Inka Friedrich) geht zwar in ein neues Leben, aber vielleicht gelingt es Willenbrock ja, sich in dieses wieder einzufädeln. Für Axel Prahl wünscht man es sich.

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