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Kino : Alles ist möglich: „Der Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs“

Film-Kritik: Ian McKellen in "Der Herr der Ringe 3" Bild: Warner Bros.

Dreihundert Millionen Dollar und jeder Cent im Bild: Peter Jackson vollendet mit der „Rückkehr des Königs“ seinen „Herrn der Ringe“, hat aber vergessen, die Gebrauchsanleitung mitzuliefern.

          5 Min.

          Von diesen Bildern hat das Kino schon geträumt, als es das Kino noch nicht gab. Auf solche Bilder hat die Schaulust vielleicht schon seit fünfhundert Jahren gewartet. Es ist, als hätte Leonardo der Mona Lisa gesagt, sie möge doch mal kurz aus dem Bild verschwinden, damit man die gewaltige Landschaft im Hintergrund besser sehen kann. Es ist, als hätte Pieter Breughel sein Standbild vom Turmbau zu Babel erst in Bewegung und dann mit lautem Krach zum Einsturz gebracht. Und am Schluß sieht es so aus, als hätte Claude Lorrain mit den Bauten aus der "Einschiffung der heiligen Ursula" einen ganzen Meerbusen dekoriert. George Méliès, dem Vater des Illusionskinos, wären hier die Augen übergegangen, Fritz Lang hätte in diesen Kulissen die "Nibelungen" noch viel effektvoller inszeniert. Und Cecil B. DeMille, als er die Wellen des Roten Meers über den Kriegern Ägyptens zusammenkrachen ließ, konnte sich nur sehnen nach einer solchen Wucht der Elemente, wie Peter Jackson sie im dritten Teil des "Herrn der Ringe" entfesselt.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Man darf, zu all den endlosen Ebenen und riesigen Gipfeln, zu den himmelhohen Türmen, den Felsgewölben und den Städten, die zu monströsen Vertikalen aufgeschichtet sind, natürlich auch sagen: Was für ein monumentaler Kitsch! Man sollte sich dabei aber auch bewußt machen, daß die Künste (oder wie immer man die Produktion von Bildern nennen will) seit Jahrhunderten nach solchen Perspektiven streben, nach Blicken, die den Betrachter in Rausch und Schwindel versetzen. Wenn Peter Jackson seine Kamera von den Türmen und den Bergen herabgucken läßt, dann geht es ihm, ganz buchstäblich, um die Fallhöhe. Und um die Schwerelosigkeit, die vor dem Aufprall kommt. In ihren besten Momenten sind diese Bilder bodenlos.

          Atemberaubende Schlachten

          Doch der Rausch der Kamera wird unterminiert von der Ernüchterung, die der Plot bedeutet. Ein finsterer Himmel liegt über dem Kontinent Mittelerde, die Kräfte des Schlechten und den Dunkelheit sind weiter gewachsen; in Mordor, dem Reich des Bösen, rüstet sich eine noch größere und grausamere Armee als im zweiten Teil fürs allerletzte Gefecht, und daß das böse enden wird, falls es dem Hobbit Frodo nicht gelingt, den Ring, um den sich alles dreht, endgültig zu vernichten, das ist den Lesern von J. R. R. Tolkiens Epos ebenso gut bekannt wie denen, die den ersten und zweiten Teil gesehen haben. Wer Tolkien gelesen hat, weiß also, ungefähr jedenfalls, was jetzt, im dritten Teil, zu passieren hat. Frodo wird allen Versuchungen widerstehen und mit letzter Kraft den Ring dorthin bringen, wo er hingehört: in die Höhle des Bösen, ins Feuer, wo er schmelzen wird. Der Königssohn Aragorn wird kämpfen, siegen, schließlich den Thron besteigen. Die ungezählten Nebenfiguren werden die Pausen zwischen den großen Kämpfen füllen. Und natürlich werden die Schlachten atemberaubend und blutig sein.

          Das war das Problem von Peter Jackson beim Drehbuchschreiben und beim Inszenieren, und das bestimmt die Form des Films: "Der Herr der Ringe" ist in erster Linie für die Leser Tolkiens gemacht, für Leute also, die dem Film jede Überraschung, jede Abweichung, jeden Eigensinn sehr übelgenommen hätten. Jacksons Job bestand, erstens, darin, für die bekannten Charaktere solche Gesichter und Körper zu finden, auf welche sich die Leser möglichst einigen könnten. Und zweitens ging es dann darum, möglichst viele Szenen und Schauplätze des Buchs so gigantisch auf die Leinwand zu bringen, daß die Bilder sich messen könnten mit den monumentalen Phantasien der meist jugendlichen Leser.

          Ganz gut gelungen

          Beides scheint, wenn man vom Genörgel einiger Internet-Nerds und dem leicht beschönigten Finale absieht, ganz gut gelungen zu sein - aber dem, der sich für Tolkien nicht besonders interessiert (oder der diese Jugendlektüre schon wieder fast vergessen hat), dem Zuschauer also, der nur den Film betrachten und verstehen möchte, dem fehlt Tolkiens Romantrilogie: als tausendseitige Gebrauchsanleitung und Materialiensammlung. Was Kinohelden erst interessant macht, der innere Konflikt, die Skepsis, die Verzagtheit und die schwarzen Gedanken: Das mag man bei Tolkien finden, bei Jackson gibt es nichts davon. Was ist das bloß für ein Streber, fragt sich der Zuschauer, wenn der blonde Elbe Legolas mal wieder im Bild herumsteht, freundlich guckt und immer Hilfsbereitschaft signalisiert. Was ist das bloß für ein langweiliger Schönling, fragt sich der Zuschauer in all den Szenen, in welchen Aragorn gerade nicht mit einem Schwerthieb acht bis zehn Feinde erledigt. Und selbst Frodo, dem die Last des Rings immer schwerer wird und der an seiner Mission zu verzweifeln droht, findet für seine Zweifel, seine Unruhe keinen Resonanzraum in diesem Film, der immer dann, wenn es interessant werden könnte im Kopf des Hobbits, seine Blicke ganz schnell woanders hin wenden muß, auf irgendeine Schlacht oder zumindest die schneebedeckten Gipfel Neuseelands.

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