https://www.faz.net/-gs6-8xo53

Video-Filmkritik : Vor Camelot hilft euch kein Pixelgott

Bild: AP

Wenn die Kulisse in den Vordergrund drängt: Guy Ritchies Film „King Arthur - Legend of the Sword“ erzählt die Artus-Legende als Vorstufe zum Videospiel. Hat Hollywood verlernt, Liebesgeschichten zu erzählen?

          Einmal sieht man in diesem Film die alte London Bridge von oben. Sie ist riesig, ein Koloss aus hellem Stein mit zwanzig Bögen und zahllosen Brückenhäusern, den das Frühmittelalter, hätte es ihn damals schon gegeben, als Weltwunder bestaunt und als Steinbruch genutzt hätte. Ringsum weitet sich das Panorama von Londinium, wie die Stadt London zu der Zeit, in der „King Arthur“ spielt, immer noch hieß: hier ein halbverfallenes Amphitheater, dort eine Kämpferschule, ein Forum, Hafenkais, hohe, mit Zinnen gekrönte Mauern und dichtes Gassengewirr. Und das alles nur, damit der kleine Arthur darin groß und stark werden kann.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Actionfilme nennen wir solche und andere Geschichten, in denen Machtkämpfe mit dem Schwert ausgetragen und Attentate mit spitzen Pfeilen und blitzenden Schwertern verübt werden, in denen Muskelkraft und bisweilen auch Magie darüber entscheiden, wer den Thron besteigen und von der Zinne herab seine Untertanen grüßen darf. In Wahrheit müsste man von Kulissenfilmen reden. Denn die Action ist austauschbar, die Kulisse nicht. Das Setting macht den Unterschied, ob ein Straßenkampf im kaiserlichen Rom oder im maurischen Saragossa stattfindet, ob der Fluss, auf dem die Helden fliehen, durch Britannien oder Mittelerde fließt. Dabei darf die Geschichte gern bekannten und bewährten Mustern folgen: Königsmord, Inzest, Kalif anstelle des Kalifen, man kennt die Melodie. Nur die Orte, an denen das Altbekannte passiert, dürfen keinesfalls altbacken wirken. Der Look, die Verpackung, ist an einem Film wie „King Arthur“ ja das eigentlich Neue. In jenen unvordenklichen Zeiten, in denen es noch keine computergenerierten Kinobilder gab, entsprang der Sensationscharakter von Filmen oft den Einfällen genialer Regisseure. Inzwischen ist der Anteil der Inszenierung am Action- und Fantasygenre derart geschrumpft, dass man die Regiearbeit getrost Robotern überlassen könnte, wenn es nicht gelegentlich doch noch eine Szene gäbe, in welcher der Held die Heldin anschauen statt verprügeln und dazu irgendetwas Schmachtendes sagen muss. Den Rest erledigt das Design.

          Wie aus der Nazarener-Abteilung des örtlichen Kunstmuseums

          Die Set- und Kostümdesigner von Guy Ritchies „King Arthur: Legend of the Sword“ – so der Originaltitel, durch den sich der Film von den zwanzig anderen Kinoversionen der Artus-Sage unterscheiden lässt – standen vor einem nicht zu unterschätzenden Problem. Sie mussten die Schauplätze der Geschichte einerseits so aufregend aussehen lassen, dass die Erinnerung an „King Arthur“ wenigstens bis zum Kinostart der bereits in der Handlung angelegten Fortsetzung frisch bleiben würde. Andererseits ist eine Burg eine Burg und kein Todesstern, und ein britannisches Kaff bleibt ein britannisches Kaff, auch wenn es mit römischen Ruinen aufgepeppt wird. Und die Artus-Legende spielt nun einmal im fünften Jahrhundert nach Christus, auch wenn die Epoche, von der sie erzählt, so nur in den Köpfen hochmittelalterlicher Dichter und Mönche und ihres höfischen Publikums existiert hat.

          Ein Schurke mag er sein, aber er kann wenigstens Schach spielen: Jude Law als böser Britenkönig Vortigern in „King Arthur“.

          In dieser Situation haben Gemma Jackson und Annie Symons, die für die Bauten und Gewänder von „King Arthur“ verantwortlich sind, sich entschlossen, alles einfach noch größer und bunter zu machen, als wir es kennen. Sie haben die Burg Camelot zu einem Trumm aufgeblasen, gegen den der Tower von London das reinste Toilettenhäuschen ist, und dem verfallenen Londinium digitale Ausmaße verpasst, in die das Shakespearesche (ebenfalls digitale) London aus Roland Emmerichs „Anonymus“ zweimal hineinpassen würde. Und sie haben ihre Königs-, Königinnen- und Bauerndarsteller in Gewänder gesteckt, die das echte Mittelalter vor Neid erblassen lassen müssten. Die Maskenbildner taten ein Übriges, um die Gesichter der Geschichte unseren von Tolkien und Burne-Jones geprägten Vorstellungen einer Ritterwelt anzupassen. Wer sich fragt, wo er die elfenhaften Mienen und Haare der Maiden von Camelot schon einmal gesehen hat, muss nur in die Nazarener-Abteilung des örtlichen Kunstmuseums gehen. Oder die Bluray des „Herrn der Ringe“ aus dem Regal holen.

          Weitere Themen

          Haben Männer Hüften?

          Midlife-Crisis-Komödie im ZDF : Haben Männer Hüften?

          Midlife-Crisis ist was für Machos? In „Hüftkreisen mit Nancy“ versucht es ein arbeitslos gewordener Journalist und Vater mit Beckenbodenbewegungen, um dem Schicksal des modernen Mannes zu entgehen.

          Daniel Craig hat Unfall bei Bond-Dreharbeiten Video-Seite öffnen

          007 am Knöchel verletzt : Daniel Craig hat Unfall bei Bond-Dreharbeiten

          Auch bei Superagenten geht mal ein Stunt daneben. Der britische Schauspieler Daniel Craig musste das am eigenen Leib erfahren. Der Brite wird nun nach einem Unfall bei den Dreharbeiten zum neuesten James Bond-Film am Fuß operiert.

          Ist Banksy in Venedig? Video-Seite öffnen

          Rätselhaftes Video : Ist Banksy in Venedig?

          Auf Instagram kündigte der Streetart-Künstler, dessen Identität geheim bleibt, an, mit einem eigenen Stand auf der Biennale in Venedig vertreten zu sein. Die Kunstschau in Venedig zählt zu den größten Weltweit

          Manipuliere die Kurden!

          Brief aus Istanbul : Manipuliere die Kurden!

          Bis zum Neuwahltermin am 23. Juni kann Erdogan weder die Wirtschaftskrise meistern noch das Herz der Kurden gewinnen. Also setzt der türkische Präsident auf Manipulation.

          Topmeldungen

          „Die Zerstörung der CDU“ : Das Rezo-Video im Faktencheck

          Klima, Wohlstand, Krieg und Protestkultur: Eine zornige Abrechnung wird zum Internethit. Was hält einer genaueren Betrachtung stand? Eine kritische Perspektive auf die vier zentralen Themen.

          Vor der Europawahl : Wie die polnische Jugend Frühlingsgefühle entwickelt

          Die neue linksliberale Partei „Wiosna“ (Frühling) des populären Politikers Robert Biedron mischt die politische Landschaft in Polen auf. Die Anhänger sind jung, nennen ihren Parteivorsitzenden „Robert“ und drängen auf einen Wandel in Polen – und Europa.
          Eine Frau wirft in Erfurt einen Brief wird in einen Briefkasten der Deutschen Post AG.

          FAZ Plus Artikel: F.A.Z. exklusiv : Das Briefporto steigt von 70 auf 80 Cent

          Jetzt ist es raus: Der Standardbrief kostet künftig 10 Cent mehr. Auch alle anderen Briefarten werden deutlich teurer – die Postkarte sogar um ein Drittel. Nur ihre Großkunden verschont die Post zunächst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.