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Video-Filmkritik : Vor Camelot hilft euch kein Pixelgott

Bild: AP

Wenn die Kulisse in den Vordergrund drängt: Guy Ritchies Film „King Arthur - Legend of the Sword“ erzählt die Artus-Legende als Vorstufe zum Videospiel. Hat Hollywood verlernt, Liebesgeschichten zu erzählen?

          Einmal sieht man in diesem Film die alte London Bridge von oben. Sie ist riesig, ein Koloss aus hellem Stein mit zwanzig Bögen und zahllosen Brückenhäusern, den das Frühmittelalter, hätte es ihn damals schon gegeben, als Weltwunder bestaunt und als Steinbruch genutzt hätte. Ringsum weitet sich das Panorama von Londinium, wie die Stadt London zu der Zeit, in der „King Arthur“ spielt, immer noch hieß: hier ein halbverfallenes Amphitheater, dort eine Kämpferschule, ein Forum, Hafenkais, hohe, mit Zinnen gekrönte Mauern und dichtes Gassengewirr. Und das alles nur, damit der kleine Arthur darin groß und stark werden kann.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Actionfilme nennen wir solche und andere Geschichten, in denen Machtkämpfe mit dem Schwert ausgetragen und Attentate mit spitzen Pfeilen und blitzenden Schwertern verübt werden, in denen Muskelkraft und bisweilen auch Magie darüber entscheiden, wer den Thron besteigen und von der Zinne herab seine Untertanen grüßen darf. In Wahrheit müsste man von Kulissenfilmen reden. Denn die Action ist austauschbar, die Kulisse nicht. Das Setting macht den Unterschied, ob ein Straßenkampf im kaiserlichen Rom oder im maurischen Saragossa stattfindet, ob der Fluss, auf dem die Helden fliehen, durch Britannien oder Mittelerde fließt. Dabei darf die Geschichte gern bekannten und bewährten Mustern folgen: Königsmord, Inzest, Kalif anstelle des Kalifen, man kennt die Melodie. Nur die Orte, an denen das Altbekannte passiert, dürfen keinesfalls altbacken wirken. Der Look, die Verpackung, ist an einem Film wie „King Arthur“ ja das eigentlich Neue. In jenen unvordenklichen Zeiten, in denen es noch keine computergenerierten Kinobilder gab, entsprang der Sensationscharakter von Filmen oft den Einfällen genialer Regisseure. Inzwischen ist der Anteil der Inszenierung am Action- und Fantasygenre derart geschrumpft, dass man die Regiearbeit getrost Robotern überlassen könnte, wenn es nicht gelegentlich doch noch eine Szene gäbe, in welcher der Held die Heldin anschauen statt verprügeln und dazu irgendetwas Schmachtendes sagen muss. Den Rest erledigt das Design.

          Wie aus der Nazarener-Abteilung des örtlichen Kunstmuseums

          Die Set- und Kostümdesigner von Guy Ritchies „King Arthur: Legend of the Sword“ – so der Originaltitel, durch den sich der Film von den zwanzig anderen Kinoversionen der Artus-Sage unterscheiden lässt – standen vor einem nicht zu unterschätzenden Problem. Sie mussten die Schauplätze der Geschichte einerseits so aufregend aussehen lassen, dass die Erinnerung an „King Arthur“ wenigstens bis zum Kinostart der bereits in der Handlung angelegten Fortsetzung frisch bleiben würde. Andererseits ist eine Burg eine Burg und kein Todesstern, und ein britannisches Kaff bleibt ein britannisches Kaff, auch wenn es mit römischen Ruinen aufgepeppt wird. Und die Artus-Legende spielt nun einmal im fünften Jahrhundert nach Christus, auch wenn die Epoche, von der sie erzählt, so nur in den Köpfen hochmittelalterlicher Dichter und Mönche und ihres höfischen Publikums existiert hat.

          Ein Schurke mag er sein, aber er kann wenigstens Schach spielen: Jude Law als böser Britenkönig Vortigern in „King Arthur“.

          In dieser Situation haben Gemma Jackson und Annie Symons, die für die Bauten und Gewänder von „King Arthur“ verantwortlich sind, sich entschlossen, alles einfach noch größer und bunter zu machen, als wir es kennen. Sie haben die Burg Camelot zu einem Trumm aufgeblasen, gegen den der Tower von London das reinste Toilettenhäuschen ist, und dem verfallenen Londinium digitale Ausmaße verpasst, in die das Shakespearesche (ebenfalls digitale) London aus Roland Emmerichs „Anonymus“ zweimal hineinpassen würde. Und sie haben ihre Königs-, Königinnen- und Bauerndarsteller in Gewänder gesteckt, die das echte Mittelalter vor Neid erblassen lassen müssten. Die Maskenbildner taten ein Übriges, um die Gesichter der Geschichte unseren von Tolkien und Burne-Jones geprägten Vorstellungen einer Ritterwelt anzupassen. Wer sich fragt, wo er die elfenhaften Mienen und Haare der Maiden von Camelot schon einmal gesehen hat, muss nur in die Nazarener-Abteilung des örtlichen Kunstmuseums gehen. Oder die Bluray des „Herrn der Ringe“ aus dem Regal holen.

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