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Video-Filmkritik : Aufstieg am Abgrund

Bild: SquareOne/Universum

Die Rückseite des amerikanischen Traums: J. C. Chandors „A Most Violent Year“ erzählt eine packende Aufsteigergeschichte im New York der Achtziger.

          4 Min.

          New York kann sehr kalt sein. Wenn der Winter die Stadt hart trifft, mit viel Schnee und gefrierendem Regen, mit über Wochen hinweg strengen Minustemperaturen, dann ist das Licht, wenn die Sonne wieder herauskommt, ohne jede Wärme, hart, brutal, so dass die Menschen die Köpfe zwischen die Schultern ziehen und nur vorsichtig zum Himmel blinzeln.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          In solch einem Winter spielt J. C. Chandors Film „A Most Violent Year“. Und viele Szenen eröffnen der Regisseur (der auch das Drehbuch geschrieben hat) und sein Kameramann Bradford Young mit einem weiten Blick über gefrorenes Gelände, in dem die Menschen die Köpfe zwischen die Schultern ziehen, bevor sie aufeinander zugehen, in ihre Autos steigen oder aus diesen heraus. Fast immer sehen wir das große Bild, bevor es an die Details geht, den weißen Atem etwa, der den Leuten vor dem Mund steht. Das ist ungewöhnlich, weil es in einem Film, in dem die Figuren aussehen wie in einem Gangsterfilm, zunächst für einen ruhigen Rhythmus sorgt.

          Es ist das Jahr 1981. Ein schreckliches Jahr, most violent in der Tat, wenn man die Polizeistatistik anschaut. Aus dem Radio strömen die Nachrichten von immer neuen Verbrechen, Morden, Entführungen, Raubüberfällen, auch Lastwagen werden fast täglich auf den Brücken nach Manhattan überfallen und entführt. Die Kriminalitätsrate hat einen Höhepunkt erreicht. Die Stadtverwaltung ist bestechlich, dazu gehört auch die Polizei. Niemand fühlt sich mehr sicher. Die Transportgewerkschaft, ihrerseits korrupt bis in die Knochen, erwägt, ihre Fahrer zu bewaffnen. Illegal, wenn es sein muss.

          Illegal, wenn es sein muss, ist für Abel Morales keine Option. Er joggt in der Morgendämmerung durch die Kälte, um sich für den Tag zu rüsten, abgehärtet, nicht zimperlich, aber auch nicht gewaltbereit. Wenn er nicht joggt, trägt er doppelreihige Anzüge und figurbetonte Kamelhaarmäntel mit großen Taschen, in denen er keine Waffe versteckt hält, sondern in die er die Hände stemmt, wenn es gar zu kalt wird. Abel Morales hat es vom Fahrer eines Öltankwagens zum Eigentümer der Heizölfirma gebracht, zum Unternehmer in einer Branche, die sich Alteingesessene teilen und in der nicht immer sauber gehandelt wird.

          Nah am organisierten Verbrechen

          Abel Morales kommt aus Kolumbien. Für Geschäfte jenseits des Drogenhandels ist das keine eingeführte Herkunft, seine Konkurrenten sind Juden oder Italiener, alle nah am organisierten Verbrechen oder Teil von ihm. Abel hat zwar die Tochter aus einer Mob-Familie geheiratet. Jessica Chastain spielt sie sexy, skrupellos und loyal, ihrem Mann in Gier verbunden. Sie akzeptiert seinen Entschluss, sauber zu bleiben, solange es mit dem Aufstieg klappt. Wie Abel will auch sie gegen alle Widrigkeiten nach oben. Leichter wäre es, er würde Gangster, und sie verließe ihn nicht, wäre das der Preis für den Erfolg.

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