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Video-Filmkritik zu Jim Knopf : Lokruf des Aufwands

Bild: dpa

Lummerland ist Märklinhausen: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ kommt ins Kino. Das Buch hat die Verfilmung nicht nur überlebt, es bleibt auch lebendiger als sie.

          4 Min.

          Fünfzehn Jahre lang, so lässt die Produktion von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ wissen, habe man diesen Film vorbereitet. Regisseur Dennis Gansel teilt mit, die Geschichte vom Auszug der beiden Helden in die abenteuerliche Welt jenseits Lummerlands sei für ihn als Kind die allererste gewesen, die ihn fasziniert habe. Er selbst kam allerdings erst 2012 dazu, nachdem sein Vorgänger abgesagt hatte.

          Zunächst war eine englische Fassung geplant. Schließlich aber entschied man sich doch für zumeist deutschsprachige Schauspieler und Studios, nur die Wüstenszenen wurden in Südafrika gedreht. Fünfundzwanzig Millionen soll alles gekostet haben. Der Aufwand an Kulisse, Kostümen und Animation ist erheblich. Der mithin sehr dekorative Film hat es mit seiner Vorlage nicht leicht. An ihrer Oberfläche scheint sie tatsächlich nach großem Kino zu rufen: Meeresüberquerung und täuschende Luftbilder, einstürzende Gebirgsschluchten, eine chinoiseriehafte Kaiserstadt, das Felsentor „Mund des Todes“ und die Vulkanlandschaften mit lustigen Halb- und tyrannischen Ganzdrachen. „Jim Knopf“ erzählt die Geschichte einer Fahrt ins Wunderbare, eine Gemeinschaftsodyssee von Adoptivvater und Kind durch alle Naturerscheinungen und Regierungsformen.

          Für großes Kino zu skurril

          Doch das Buch begnügt sich nicht mit der Farbigkeit seiner Abenteuer. Es taucht gerade nicht in Stimmungen ein. Es ist kein Fantasy-Roman. Vielmehr von Anfang an voller Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Alles beginnt auf einer Insel mit Eisenbahn, in der aber nur der Lokführer fährt. Ein Kaufladen für vier Kunden. Eine Monarchie mit nur zwei Subjekten – Lokomotivführer, heißt es, sind keine Untertanen –, wovon eines gar nichts anderes zu tun hat („Er ging nur spazieren und war eben da. Er war hauptsächlich Untertan und wurde regiert“), sowie einem Herrscher, der den ganzen Tag telefoniert. Ein Zwergstaat, der an Überbevölkerung leidet, wenn ein kleiner Waisenjunge (Solomon Gordon) dazukommt. Lummerland ist Märklinhausen. Für großes Kino viel zu klein und viel zu skurril.

          Der Film nimmt auf dieses Problem wenig Rücksicht, anders als einst die Version der Augsburger Puppenkiste. Er hält sich an das Phantastische und Exotische, bei den Bildern an die dramatischen, bei den Klängen an die kitschigen – „Eine Insel mit zwei Bergen“ für großes Orchester, was für ein Missverständnis! – und bei den Scherzen meist an die naheliegenden. Alfons der Viertelvorzwölfte ist hier – wie anders, wenn Uwe Ochsenknecht ihn gibt – eher ein Trottel als ein gutmütiger Nichtregent. Herr Ärmel (Christoph Maria Herbst), der Untertan, wird gleich mehrmals zum Opfer ein und desselben Bubenstreichs. Wo im Buch die Erwähnung asiatischer Speisen genügt, um den Lokomotivführern den Appetit zu nehmen, zeigt der Film eine Schale mit Gewürm. Steckt der Lukas des Buches den chinesischen Oberbonzen in einen Papierkorb, wird hier gleich eine Schlägerei daraus. Die Augsburger hatten die Szene ganz gelöscht, vermutlich weil Schlägereien unter Marionetten nicht überzeugen und um etwas Zeit für den Rest zu gewinnen. 114 Minuten nahm sich die Puppenkiste, 105 Minuten hat der Kinofilm.

          Die Verfilmung hält sich an das Phantastische und Exotische - bei den Bildern an die dramatischen, bei den Klängen an die kitschigen.
          Die Verfilmung hält sich an das Phantastische und Exotische - bei den Bildern an die dramatischen, bei den Klängen an die kitschigen. : Bild: Warner Bros

          Womit sein größtes Problem hervortritt. Er hat wenig Sinn dafür, worum es in dieser Geschichte geht, weswegen er möglichst pittoresk alle ihre Episoden abarbeitet. Dabei verrinnen die Minuten zunehmend hektisch, um es paradox zu formulieren. Weil der Film nicht gewichtet, läuft ihm die Zeit davon. Zentrale Kapitel wie das mit dem Scheinriesen Tur Tur (Milan Peschel), vor allem aber die Sache mit dem sadistischen Schuldrachen Malzahn wirken nur wie weitere Stationen auf einer Fahrt ins Bunte. Dafür gibt es einen völlig sinnwidrigen Prolog, der vorab zeigt, was herauszufinden im Buch die Aufgabe des Helden war: wer „die Wilde 13“ ist.

          Dass Michael Ende nicht zuletzt ein Bildungsbuch geschrieben hat, in das alle zwei Seiten etwas über Kalfatern, schwimmendes Eisen, Kolibris, Bonzen oder Fata Morganas eingestreut ist, geht im Kino vollends unter. Die Bilder sind schöner als die Dialoge intelligent. Dass Regisseur Gansel sich an seine Kindheit so erinnert, ist keine Nebensache: „Als Siebenjähriger denkst du nach Bullerbü, was auch toll war: Was ist denn das für ein Flash – Drachen und der Riese und so.“ Wie Michael Endes Buch sich zu Drachen dem Riesen und so verhält, ist ihm in der Zwischenzeit nicht aufgefallen. Er hat den Flash verfilmt.

          War das Buch zum Nachdenken, hält der Film also zur Bewunderung seiner Kulissen an. Es führt hier ein typischer Irrtum über die Kindheit Regie. Kinder sind danach kleine Menschen, die möglichst viel erleben sollen. Für die Staunen wichtiger ist als Verstehen. Und deren wichtigstes Lernpensum in der Einübung von Hollywoodwerten besteht. Dicke Freunde schaffen alles, darauf reduziert der Film die Moral der Geschichte. Dabei ist Lukas (Henning Baum) entgegen der Vorlage nicht einmal rundlich, sondern ein verschlanktes Bud Spencer-Look-Alike.

          Bei Michael Ende drehte sich viel, fast alles, um die Frage, worauf ein Mensch sich reduzieren lässt. Der Scheinriese, der kleiner wird, wenn er sich nähert, ist auch darum die genialste Erfindung des Buches. Auf der Bildungsreise, von der es erzählt, wird die Leitkultur („Bratkartoffeln mit Spiegelei“) ebenso freundlich auf den Arm genommen wie der Technikglaube (Odysseus als Maschinist) oder Vorurteile („Und dabei is’ es doch manchmal sehr praktisch, eine schwarze Haut zu haben, zum Beispiel für Lokomotivführer“). Auch beim Rassismus der Drachen wie der Neigung der Alten, sich jemanden zu suchen, „den wir mit unserem Wissen quälen können“, Kinder nämlich, geht es darum, welche Bilder man sich voneinander macht. Immer wendet sich die Erzählung gegen freudlosen Starrsinn und dagegen, dass jemand andere nicht so lassen kann, wie sie sind. Am schlimmsten ist darum die Schulhölle von Frau Malzahn, weil sie nur so tut, als gehe es um Lernen, wo es ihr tatsächlich doch um Gehorsam geht.

          Dabei fängt alles Gute mit einem Lesefehler an, dem des Postboten, der „Lummerland“ las, wo – allerdings in Sauklaue – „Kummerland“ draufstand. Es ist das Lob des Unperfekten, die Aufforderung zu lernen und die Nutzung guter Zufälle (Piraten sind nicht gut in Schönschrift), die das Buch so freundlich machen. Das Plastikfolienmeer der Augsburger Marionetten-Version passte dazu besser als die Realitätseffekte, die der Film aufbietet. Um an eines der klügsten deutschen Kinderbücher zu erinnern, ist die Investition sehr hoch gewesen. Man hätte nach gegenwärtigem Ladenpreis etwa 1,7 Millionen Exemplare davon kaufen können, das hätte bei weitem für alle hiesigen Sieben- und Achtjährigen gereicht. Aber natürlich ist das eine ganz und gar lummerländische Rechnung.

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