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Video-Filmkritik : Und wenn sie zu mir schreien, will ich sie nicht hören

Bild: Universal Pictures

In seinem neuen Horrorfilm „Wir“ zeigt der „Get Out“-Regisseur Jordan Peele an einer afroamerikanischen Familie, wer unser größter Albtraum ist.

          Eines sollte man aus der Filmgeschichte gelernt haben: Wenn sympathische Familien an einsamen Orten Urlaub machen und seltsame Zeichen sich häufen, dann hört man besser auf denjenigen, dem das als erstes unheimlich wird. Im Fall von Jordan Peeles Film „Wir“ ist es Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o), der auffällt, wenn der Wecker 11:11 zeigt und der achtlos am Strand geworfene Frisbee exakt auf dem Punkt des Badetuches landet. Besonders aber gilt das, wenn man weiß, was eine Rückblende erzählt: Als kleines Mädchen ist Adelaide beim Spaziergang an der abendlichen Strandpromenade von Santa Cruz den Eltern davongelaufen und in ein geheimnisvolles Spiegellabyrinth gestreunert. Prompt fällt der Strom aus, Adelaide sucht im Dunkeln den Ausgang und findet stattdessen ihren Doppelgänger. Als nächstes sehen wir die kleine Adelaide beim Kindertherapeuten, stumm, offensichtlich traumatisiert. Malen oder tanzen könnte helfen, sagt der Therapeut zur Mutter, die schluchzt, sie wolle ihr kleines Mädchen wiederhaben. Was um Himmels Willen haben zehn Minuten in einer schlecht ausgeleuchteten Jahrmarktsbude in dieser Kinderseele angerichtet?

          Das ist klassischer Horrorstoff, der eine alltägliche Situation ins Unheimliche wendet. Diese Welt hat einen Knacks, so ahnt man und so ahnt auch Adelaide, und aus diesem Knacks wird bald Fürchterliches emporsteigen, um den friedlichen Urlaub blutig aufzumischen. Während die Familie Wilson also einigermaßen entspannt im Ferienhaus in der Nähe von Santa Cruz Unfug treibt, der Vater Gabe (Winston Duke) ein nicht mehr ganz zuverlässiges Boot kauft, die ältere Tochter Zora (Shahadi Wright Joseph) altersgemäß auf dem Bett liegt und auf dem Handy herumdaddelt und sich Sohn Jason (Evan Alex) in Schränken und hinter Masken versteckt, ist Mutter Adelaide nicht ganz wohl. Und sie willigt nur ein, die befreundete Familie Tyler (Elisabeth Moss und Tim Heidecker) am Strand zu besuchen, wenn es im Hellen wieder nach Hause geht. Denn so sehr sie sich auch bemüht, für ihre Familie die verantwortungsvolle Erwachsene zu geben, die Angst von damals im dunklen Spiegellabyrinth ist sie nicht mehr losgeworden.

          Die Spur führt in den Untergrund

          Die düstere Vorahnung schlägt ins Akute um, als Sohn Jason aus dem Fenster schaut und verkündet: „In unserer Auffahrt steht eine Familie.“ Vier regungslose Gestalten in roten Overalls, von hinten beleuchtet, die Gesichter im Dunkeln. Und wenn sie näherkommen, mit Scheren bewaffnet, die Gesichter zu Fratzen verzerrt, kommt Bewegung in die Sache. Die Bilderbuchfamilie Wilson sieht sich ihren Doppelgängern gegenüber, seelenlos, grunzend, scherenklappernd und ziemlich rabiat, nur Adelaides Klon kann überhaupt sprechen. In einer Stimme, die klingt, als sei sie lange nicht benutzt worden, klagt sie die da oben an, die ein gutes Leben hätten, während ihr da unten nichts bliebe. Das doppelte Lottchen aus dem Spiegelkabinett ist erwachsen geworden, und es will Rache.

          Da sind die düsteren Vorahnungen schon in ungute Gewissheit umgeschlagen: Adelaide (Lupita Nyong’o) mit Tochter Zora (Shahadi Wright-Joseph) und Sohn Jason (Evan Alex).

          Doppelgänger sind ein klassisches Motiv, das nicht zuletzt in der Romantik Konjunktur hatte. Kaum war das moderne Subjekt sich seiner selbst gewahr geworden, schon sah es sich an allen Ecken und Enden von Manifestationen seines Unterbewusstseins bedroht. Schatten, Vampire, Monster und eben auch verzerrte Abbilder des eigenen Selbst sind ausgelagerte Teile des Ichs, die sich mehr oder weniger gewalttätig gegen uns wenden. Dieses „Wir“ ist auch im Filmtitel adressiert. Die Monster kommen nicht aus anderen Dimensionen, die Monster sind unsere eigenen Abspaltungen. Dass sie uns so gut kennen, dass sie denken wie wir, das macht sie so gefährlich.

          Aber Regisseur Jordan Peele geht darüber hinaus, denn wichtiger als das Individuum und die Tiefen der Psyche sind für ihn immer die kollektiven Verdrängungsleistungen ganzer Gesellschaften. In seinem ersten Film „Get Out“, mit dem er im vergangenen Jahr für den besten Film und die beste Regie nominiert war und schließlich den Drehbuch-Oscar bekam, stellte er die Frage nach den rassistischen Wurzeln Amerikas. Er etabliert den „versunkenen Ort“ als schwarzes Loch, in dem einen niemand schreien hört. Auch in „Wir“ führt die Spur in den Untergrund, in dem die Doppelgänger der Wilsons vor sich hinvegetierten, zusammen mit vielen anderen. Dieser Untergrund ist der blinde Fleck des Gemeinwesens. Zumindest so lange, bis sich dort eine findet, die aufbegehrt, die anders ist und eine Revolution der Marginalisierten anführt. Und das ist Red, wie sich Adelaides Doppelgängerin nennt.

          „Ich will ein Unglück über sie gehen lassen“

          Familie Wilson, diese afroamerikanische Bilderbuchfamilie, metzelt sich mit Baseballschlägern, Golfschlägern und Schürhaken zum Haus der befreundeten Tylers durch, um mit einem Auto irgendwann zur Grenze zu gelangen. Denn die Auferstehung der Untergrund-Zombies scheint ein Phänomen der Vereinigten Staaten, und es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet jenseits der Landesgrenze der sichere Hafen warten könnte. Und weil Regisseur Jordan Peele seine Karriere einst als Comedian begann, ist in diesem Film überhaupt einiges nicht ganz ohne Ironie, etwa die wunderbare Slapstickszene im Haus der Tylers, in der ein digitaler Sprachassistent nicht sonderlich hilfreich ist, weil kaum jemand wirklich sauber formuliert, wenn gerade ein seelenloser Doppelgänger auf ihn eindrischt.

          Darüber hinaus kann man sich die Sache gut und gerne noch ein, zweimal anschauen, bis man alle kleinen Zeichen bemerkt hat. Etwa das „Thriller“-T-Shirt, das der Vater der kleinen Adelaide beim Dosenwerfen an der Strandpromenade gewinnt. Eine Vorahnung auf die drohende Zombie-Apokalypse? Oder der Mann mit dem Bibelspruch-Schild, „Jeremias 11,11“ steht darauf. Wer nachschlägt, findet folgende Stelle: „Darum siehe, spricht der HERR, ich will ein Unglück über sie gehen lassen, dem sie nicht sollen entgehen können; und wenn sie zu mir schreien, will ich sie nicht hören.“

          Dafür bekommt man es als Kinobesucher umso deutlicher mit. Und das auch noch mit ziemlichem Vergnügen, wenn man grundsätzlich die Nerven für Horrorfilme mitbringt, denn so intelligent wie Peele hat das Genre lange niemand mehr bedient.

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