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Filmkritik: „König der Löwen“ : Fressen und Gefressenwerden

Bild: The Walt Disney Company

Als käme gleich die Stimme des Naturfilmers David Attenborough aus dem Off: Naturrealistisch am Computer erzeugt, schwankt der neue „König der Löwen“ zwischen Tierdoku und Herrscherdrama.

          Schon mal ein Löwenjunges übermütig gesehen? Ängstlich, verwirrt, genervt, freudig überrascht, erleichtert, entsetzt, zu Tode betrübt oder fast erdrückt von Scham und Schuld? Klar, vor fünfundzwanzig Jahren, in Disneys Zeichentrickfilm „König der Löwen“: Wie in den klassischen Tier-Cartoons zuvor hatten die Zeichner unter den Regisseuren Rob Minkoff und Roger Allers die Kunstfreiheit genutzt, die Mimik der Tiere ins Satirische zu übersteigern. Sie ließen die Gefühle sich mit einer Deutlichkeit auf den Gesichtern der Helden spiegeln, die in einen filmisch produktiven Widerspruch aus Einfühlung und Distanzierung führt: Je klarer der Gesichtsausdruck zu lesen ist, umso näher ist den Zuschauern die Emotion – und je stärker das überzeichnete Gesicht von jeder Wirklichkeit abweicht, umso leichter kann der Zuschauer auf Abstand bleiben, in der sicheren Gewissheit, dass er gerade nur eine Geschichte erzählt bekommt, etwas Künstliches, ausgedacht, um ihn zu bewegen.

          An diesem Mittwoch kommt – nach einer ganzen Reihe realistischer Neubearbeitungen von Disney-Zeichentrick-Klassikern wie dem „Dschungelbuch“ – der digitale „König der Löwen“ in die hiesigen Kinos: ein Überwältigungsapparat auf der Höhe, auf einem neuen Höhepunkt zeitgenössischer Computeranimationsmöglichkeiten, der zugleich auf die genannten Trickfilmmittel der Überzeichnung verzichtet. Kein Tier, erst recht kein wildlebendes, würde sich zu der Darbietung bewegen lassen, die einer stattlichen Auswahl der Bewohner der afrikanischen Savanne hier zugeschrieben wird. Dabei beschränkt sich das Produktionsteam um den Regisseur Jon Favreau anstelle der mimischen Bandbreite, die der Zeichentrickfilm ausspielt, auf Gesichtsausdrücke, die bei naturrealistisch digital nachgeschaffenen Tieraufnahmen nicht allzu unglaubwürdig wirken.

          So bewegt sich die neue Fassung des „Königs der Löwen“ in erstaunlicher Nähe zu den bekannten Tierfilm-Dokumentationen von David Attenborough und Kollegen. Tatsächlich wäre man angesichts der Zeit, die sich der Film für possierliche Szenen jenseits der Handlung lässt, und auch in vielen Spannungsmomenten nicht überrascht, eine tiefe, besonnene Stimme aus dem Off von Raub- und Beutetieren sprechen zu hören, von Jägern und Gejagten, Fressen und Gefressenwerden.

          Tierische Bewegung, menschliches Sprechen

          Nicht nur deshalb ist dieses Fressen und Gefressenwerden das heimliche Zentrum des Films, ein Zentrum allerdings, das von der Handlung weitestgehend unberührt bleibt, diskret im Halbdunkel: Immerhin steht zu erwarten, dass auch dieser „König der Löwen“ sich zum Familienfilm entwickeln wird, besucht von vielen Kindern, die es schon allein beschäftigt, wenn Scar, der hinterhältige Bruder- und Königsmörder, den Kopf mit rotschimmerndem Kinnhaar vom Beutetier hebt, um die Leitlöwin Sarabi aufzufordern, an seiner Seite zu fressen. Was eigentlich genau zu fressen – einen Untertanen? Nicht umsonst erweisen in den großen Massenszenen alle Tiere des Löwenreichs dem neugeborenen Königskind ihre Reverenz. Später scheint Vater Mufasas Erklärung, immerhin würden auch Löwen nach ihrem Tod zu Gras, das Antilopen fressen, den kleinen Simba nicht recht zu überzeugen. Im Paradies von Timon und Pumbaa, dem Erdmännchen und dem Warzenschwein, indes lässt er sich schnell zu schleimiger Insektenkost bekehren. Eine spätere Diskussion, ob der in einem der altbekannten Hits des Films besungene Kreislauf des Lebens nicht eher eine Nahrungskette wäre, an deren oberem Ende nun einmal Raubtiere wie der Löwe stehen, bleibt im Ansatz stecken.

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