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Video-Filmkritik „Jojo Rabbit“ : Niemand zuvor hat Hitler derart lächerlich gemacht

Bild: AP

Für sechs Oscars nominiert, mit allen komödiantischen Wassern gewaschen: Taika Waititis Spielfilm „Jojo Rabbit“ erzählt nur scheinbar grotesk von Hitlers Herrschaft über die Deutschen.

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          Wer über diesen Film spricht, redet über Hitler. Denn der tritt darin als Gewissen des kleinen Johannes Betzler auf. Als ein schlechtes Gewissen in jeder Hinsicht. Einerseits im landläufigen Verständnis des Begriffs, weil der zehnjährige Johannes, den alle nur Jojo rufen, nicht den Erwartungen an einen Jungen im nationalsozialistischen Deutschland entspricht: Als er in seinem Heimatort Falkenheim ins Jungvolk aufgenommen wird, scheitert er bereits an der ersten Bewährungsprobe, weil er aus Mitleid einem niedlichen Kaninchen statt der diesem zugedachten Kugel die Freiheit gibt, was dem Knaben unter seinen Kameraden den Spottnamen „Hasenfuß“ einbringt. Kein Wunder, dass Hitler dem gedemütigten Jojo heftig die Leviten liest.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und dann als schlechtes Gewissen im Wortsinn, denn natürlich strotzt das, was der nur von Jojo wahrgenommene Hitler ihm predigt, vor Rassenhass und Eroberungswille. Allerdings in einem so exaltierten Ton vorgetragen, dass die böse Botschaft schallendes Gelächter provoziert. Nicht bei Jojo, der als ordentlich indoktrinierter Sprössling des „Dritten Reichs“ alles ernst nimmt, sondern beim Publikum, das eine solche Knallcharge von Nazi-Führer seit Charlie Chaplins „Der große Diktator“ nicht mehr gesehen hat.

          Mit diesem Film aus dem Jahr 1940 begann die Kette von Komödien über NS-Deutschland, die in Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ (1942), Mel Brooks’ „Frühling für Hitler“, der ersten Hälfte von Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ (1997) und Dani Levys „Mein Führer“ (2007) ihre bisherigen Höhepunkte hatte. Nun kommt „Jojo Rabbit“ von Taika Waititi dazu. Waren Chaplins und Lubitschs Filme noch entstanden, als das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen unbekannt war, hatten alle späteren genannten Kinokomödien dem Vorwurf zu begegnen, sie banalisierten das Böse. Sie alle aber – wie auch die beiden mit der Gnade der frühen Produktion gesegneten Vorläufer – veralbern die NS-Ideologie und sind insofern Waffen gegen den Totalitarismus. Sofern Hitler selbst darin auftritt, wird er denn auch jeweils von ausgewiesenen Komikern gespielt: Chaplin im „Großen Diktator“ (leicht namentlich verfremdet als Anton Hynkel), Tom Dugan in „Sein oder Nichtsein“, Brooks in „Frühling für Hitler“, Helge Schneider in „Mein Führer“ und nun Waititi in „Jojo Rabbit“. Bezeichnenderweise gleich dreimal übernahmen also die regieführenden Drehbuchautoren diese heikle Rolle selbst.

          Die Erkenntnis, betrogen worden zu sein

          Wobei Waititi als Neuseeländer maorischer Abstammung die größte Herausforderung an die Maskenbildner gestellt hat. Obwohl niemand sonst zuvor Hitler derart lächerlich gemacht hat, erschöpft sich seine Darstellung aber nicht im bloßen Klischee aus Bartfliege, Seitenscheitel und rollendem R, sondern er hat den historischen Propagandaaufnahmen etliche Details in Gestik, Mimik und Wortwahl abgewonnen, die erstaunlich nahe am Original sind, genau deshalb jedoch einmal mehr die Frage aufwerfen, wie ein Land dieser grotesken Masche verfallen konnte. Klugerweise stellt Waititis Film diese Frage selbst gar nicht explizit, weil in Falkenheim ja nur Jojo diesen Hitler sehen und hören kann. Aber auf Plakaten und als Stichwortgeber für Parolen ist er allgegenwärtig. Und der Film hat seinen Handlungszeitpunkt in der unmittelbaren Schlussphase des Zweiten Weltkriegs, als die Deutschen längst durch alliierte Fliegerangriffe und militärische Rückschläge an den Fronten demoralisiert waren, aber trotzdem dem „Führer“ die Treue hielten. Der Einzige, der sie ihm aufkündigt, ist am Schluss ausgerechnet Jojo.

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