https://www.faz.net/-gs6-9n7db

Video-Filmkritik „John Wick 3“ : Knochenkegeln als Tanztheater

Gleich tut’s wunderschön weh: John Wick (Keanu Reeves, rechts) bei letalen Entspannungspartnerübungen

Wo Quentin Tarantino mit zynischer Brutalität Actionszenen mit Meta-Film-Witzchen dreht und wo Michael Bay eine Gewaltorgie mit 360-Grad-Kreiselkamera filmt, um Tempo zu verdeutlichen, da setzt Stahelski auf die Leichtigkeit seiner asiatischen Vorbilder und die Präzision der Kameraarbeit, wie er sie nach eigener Aussage an Filmen von Steven Spielberg und James Cameron bewundert. Das Gewackel und die eiligen Schnitt bezeichnet er hingegen als „Faulheit beim Filmemachen“ – „Regisseure können sich wochenlang mit Beleuchtung und Garderobe beschäftigen, aber die Actionszenen lassen sie dann von Action-Regisseuren machen, und dann wird alles irgendwie zusammengeschnitten. Stellen Sie sich mal vor, so würde man Dialoge filmen.“

Stahelski hat selbst jahrelang als Action-Regisseur gearbeitet. Seine Karriere begann als Stuntman. Beim Matrix-Dreh lernte er Keanu Reeves kennen, er war sein Stunt-Double. Dann gründete er gemeinsam mit David Leitch die Produktionsfirma 87Eleven, die von den großen Studios angerufen wird, wenn Actionszenen zu drehen sind. Als Reeves vor fünf Jahren mit dem Drehbuch für „John Wick“ bei ihnen anklopfte, fanden sie den Stoff so vielversprechend, dass sie beschlossen, selbst die Regie zu übernehmen und die Geschichte um den trauernden Auftragskiller mit Mystik und all jenen Actionsequenzen anzureichern, die sie schon immer mal drehen wollten.

Eine andere Art von Schauspielerei

Der Erfolg des ersten Teils sprach für sie. Leitch führte danach allein die Regie beim Agententhriller „Atomic Blonde“, der dank vollem Körpereinsatz von Charlize Theron die Standards für Frauen im Actiongenre neu definierte – es gibt eine minutenlange Szene, in der sie sich ein Treppenhaus hinunterkämpft; ohne einen einzigen Schnitt.

Für Keanu Reeves bedeutet dieses Herangehen, dass er seine schauspielerische Bandbreite erweitern kann. Er, dem in Kritiken so gern vorgeworfen wird, dass er zu wenig, zu zurückgenommen spiele, geht hier völlig im Körpereinsatz auf. Er hat nie eine Kampfsportart gelernt. „Fake Fighting“ sei alles, was er könne, sagt er. Aber das kann er gut. Er nimmt die Kampfszenen so ernst wie seinerzeit Steve McQueen, James Coburn oder Charles Bronson, wenn sie ihre Stunts selbst gedreht haben – bei denen bemängelte man nie, sie würden „zu wenig“ spielen, stattdessen feierte man das damals als „angenehm unterkühlt“. Überhaupt erinnert die Figur des John Wick an die stoischen Helden, die jene drei Filmlegenden in den sechziger und siebziger Jahren verkörperten: einsame Männer, die ihre innere Zerrissenheit, ihren Schmerz oder ihre Trauer mit viel Selbstbeherrschung hinunterschlucken, die wissen, was Gewalt und Töten bedeutet, und die es genau deshalb bis zuletzt vermeiden wollen. Reeves aktualisiert dieses Männerbild mit John Wick, indem er die verlorene Liebe zum Antrieb seines Handelns macht; er will leben, aber nicht, um Rache zu nehmen, sondern um sich an die Zeit zu erinnern, die er mit der Liebe seines Lebens verbracht hat.

Am Ende wird er sich dafür im Kugelhagel vom Dach eines New Yorker Hotels werfen – und auch das überleben. Heißt das, man muss sich auf einen weiteren Teil John Wick einstellen? Stahelski sagt, er habe nie damit gerechnet, dass es überhaupt mehr als einen John-Wick-Film geben würde. Im dritten Action-Abenteuer seines Helden knüpft er aber so viele neue Fäden in das Universum der Auftragskiller und ihrer Hierarchien und Mythen, dass es rein stofflich für mehrere weitere Filme reicht.

Weitere Themen

„Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

Topmeldungen

Von der Leyen und die EU : Die Hoffnungsträgerin

An Enthusiasmus fehlt es der neuen EU-Kommissionspräsidentin nicht. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Ursula von der Leyen es schafft, ein breites Bündnis im Europaparlament für sich zu gewinnen.

737 Max : Flugverbot kostet Boeing Milliarden

Der amerikanische Konzern stellt sich nach den Abstürzen der 737-Max-Maschinen auf hohe Entschädigungen ein. Es könnte sogar noch schlimmer kommen. Doch die Investoren goutieren die Klarheit.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.