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Video-Filmkritik : Das Herz ist ein einsamer Rechner

Bild: Warner Bros.

Hollywood schreibt unsere Gefühlsgeschichte weiter: Der oscarprämierte Film „Her“ von Spike Jonze erzählt die nächste Zivilisationsstufe als unheimliche Liebe zwischen Mensch und Computerprogramm.

          Eifersucht macht im Gesicht viel Arbeit. Glück auch. Beides teilt der Welt die unter allem oberflächlich andressierten Gleichmut des Ausdrucks schwer arbeitende Mimik von Joaquin Phoenix mit, wenn dieser Schauspieler in „Her“ von der Kamera immer wieder hautnah, wenn auch nie distanzlos betrachtet wird. Die kompliziertesten Gemütsregungen kann man dem Mann da von winzigsten Zuckungen ablesen, ohne sie je teilen zu müssen - erstaunlich, befremdlich, entzückend.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit es eine Informationswissenschaft von den Gefühlen gibt - „Affective Computing“ heißt diese Disziplin, wie das Standardwerk von Rosalind W. Picard darüber aus dem Jahr 1997 - , seit wir also einen Forschungszweig kennen, der Emotionen lebender Menschen rechnend zergliedert und als Benutzeroberflächenkräusel auf Maschinenschnittstellen künstlich herstellt, wissen Fachleute, dass die Launen der menschlichen Seele nur selten nach dem Prinzip „Pro Gefühl eine Recheneinheit“ prozessiert und kommuniziert werden.

          Kompliziertes Beziehungsgeflecht

          Viel häufiger ist eine Emotion das Beziehungsgeflecht mehrerer Daten, schreib- und lesbar nur als sogenannte „Koartikulation“: „Stirnerunzeln plus Augenzukneifen plus Lächeln“ bedeutet dann etwa „verlegene Skepsis“, „strahlende Beißerchen plus kalter Augen“ bedeutet „heuchlerische Begeisterung“. Wie deutet man also „schwachrote Backen plus zusammengezogenen Munds“ in einem Antlitz, das wirkt, als spiele da gerade Joaquin Phoenix einen enttäuschten Kevin Kline, während dieser enttäuschte Kevin Kline seinerseits versucht, als leutselig-aufgeräumter Robin Williams durchzugehen? Na ja, das ist dann wohl Glück, jedenfalls in „Her“. Oder doch Eifersucht?

          Joaquin Phoenix als Theodore hat ja allen Grund zu eifern - das Wesen, nach dem er sich verzehrt, redet während der klärenden Beziehungsbesprechung parallel mit 8316 anderen Personen und unterhält mit immerhin 614 davon etwas, das man „Liebesbeziehung“ nennen kann. Theodore wäre indes sogar bereit, sich mit derlei Demütigungen zu arrangieren - nur dass er diese Bereitschaft leider zu spät in sich vorfindet und zu verworren bekanntgibt. Die Geliebte hat sich, als er ihr schließlich, so kurzatmig er als Mensch nun mal ist, hinterherlaufen will, schon in eine Kommunikation jenseits der Worte und in eine Existenzweise jenseits der Materie verabschiedet. Mit Wahrscheinlichkeitswellen kann man nicht kuscheln: Game over.

          Eine Schmeichelei des Siliziumwesens

          Die Niederlage ist umso totaler, als diese Herzkatastrophe einen trifft, der von Berufs wegen eigentlich viel von jener Sorte Mustererkennung versteht, die man früher „Einfühlungsvermögen“ nannte - Theodore verdient seinen Lebensunterhalt im dunstig-pastellfarbenen Los Angeles der nahen Zukunft mit herziger Rollenprosa, das heißt, er schreibt ausdrucksgehemmten jungen Liebenden und alten Ehepaaren süße Billettchen für Jahrestage und andere Grußanlässe. Eine Software überträgt seine Alltagsdichtungen in putzige Kalligraphie; Handarbeit ist, im Gegensatz zu der des Kopfes, in „Her“ selbst bei der inspiriertesten Feinmotorik wohlverwaltete Maschinensache.

          Kann man so leben? Fehlt da nicht was? Beim bizarren Telefonsex oder im peinlichen Rendezvous kann Theodore nicht finden, was fehlt - dafür aber in einer Datenwolke, denn die organisiert ihm schließlich ein intelligentes Betriebssystem, das sich selbst, weil es den Klang des Wortes mag, „Samantha“ tauft. Samantha hat und braucht kein Gesicht, wenn man von einem Logo absieht, das, weiß auf rot, das Möbiusband des mathematischen Unendlichkeitszeichens um eine weitere Schleife ergänzt, worin man ein Kürzel der Erbanlagen-Doppelhelix sehen mag, eine graphische Schmeichelei des Siliziumwesens fürs unordentlich Biotische - „I want do be as complicated as all these people“, murmelt Samantha wie ein Bächlein, aus dem bald ein reißender Strom wird.

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