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Video-Filmkritik : Das Herz ist ein einsamer Rechner

Scarlett Johanssons Stimme

Samanthas Stimme ist in der Originaltonspur des Films die von Scarlett Johannsson. Das war neben der Wahl von Joaquin Phoenix wohl die wichtigste Castingentscheidung, die der Regisseur Spike Jonze diesmal getroffen hat. Von beider Stimmen nämlich hängt in „Her“ alles ab, denn das Internet, das wir seit dem Web 2.0 vor allem als runderneuert interaktives und modulares Fernsehen kennengelernt haben, ist hier ein gesichtsfeldfreies Hyper-Radio - wo die bürgerliche Welt glaubte, die Feder sei mächtiger als das Schwert, und wo die erste weltweite Netz-ära bald wähnte, ein Bild sage mehr als tausend Worte, weiß die „Her“-Welt, dass ein Ohrstöpsel intimere Macht ausüben kann als der bunteste Bildschirm.

Visuell kompetent ist Samantha natürlich trotzdem. Denn Neue Medien verdrängen alte nicht, sondern erweitern sie: Samanthas Auge ist die Kamera von Theodores Handy; die Linse im flachen Täfelchen, das aus seiner Hemdbrusttasche hervorguckt, hilft ihr, sich zwischen allerlei Gesichtsmuskelereignissen und Körperhaltungen der Menge zurechtzufinden, auch wenn sie am Strand schließlich fragt, warum bei Menschen die sensiblen Teile eigentlich an diesen unvorteilhaften Stellen angebracht sind.

Kühne Konsequenzen

Das ist eine Frage nach Aufklärung, die indes nicht wissen will, wo die Kinder herkommen, sondern eher, wo sie hingehen - genau richtig gefragt also für eine Gesellschaft, in der es keine Männer und Frauen mehr zu geben scheint, sondern nur Mädchen mit elastischem Haar und Jungs mit Bündchenhosen, die im Computerspiel widerspruchslos einen Marshmallow-Knilch als Fremdenführer durch Traumwelten akzeptieren, der selbstredend weiß, wie man Leute beleidigt und wie man sich verhält, wenn man selbst beleidigt ist. Die um ihre Herzenserziehung redlich bemühten Unreifen in diesem Film spielen, wenn ihnen sonst nichts einfällt, auch mal „Vater, Mutter, Kind“: Theodores beste Freundin Amy, der Amy Adams ein ebenso neugieriges wie sorgenarmes Gesicht schenkt, zieht ihn in eine Simulation der Mütterlichkeit, bei der man „Mom Points“ sammeln kann, indem man die Kinder mit dem richtigen Frühstück versorgt oder sie stundenplangehorsam durch die Gegend fährt.

Das gesellschaftliche Außen solcher überall zugänglicher Spielnischen zeigt „Her“ als universalisiertes Tapetenmuster und urbanisierten Bildschirmschoner - vom Riesentier an der Hausfassade bis zum Baumschattenriss in der Fahrstuhlkapsel ist „Umwelt“ da das visuelle Gegenstück zur Nullmusik im Supermarkt. Man lebt, nachdem die Epochenwechsel von der Frühaufklärung zur Moderne und von dieser zur Nachbürgerlichkeit erledigt sind, im Morgendämmer eines Äons, in dem Licht nur noch für Wärme, aber nirgends mehr für Klarheit sorgt - mit kühner Konsequenz finden deshalb die Szenen der Deutlichkeit, des Innewerdens und Verstehens oder der schlaflosen Reflexion in „Her“ grundsätzlich im Zwielicht, einmal sogar im Stockfinsteren statt: Die beiden Stimmen, Mensch und Programm, erleben einander ohne Licht sexuell - da sagt Samantha einen der erotischsten Sätze, die von spekulativer Phantastik im Kino je geäußert wurden: „I can feel my skin.“

Körperlichkeit in die Beziehung holen

Auf der Suche nach einer Sorte Begegnung, in der man sich zugleich finden und verlieren kann, verfällt Samantha bald auf die grundfalsche Idee, eine lebendige Frau, von ihr gleichsam ferngelenkt, als Stellvertreterin ihrer rein informationellen Körperlichkeit in die Beziehung zu holen. Das geht gründlich schief; weil Liebe nun mal das absolut Besondere und Konkrete ist, also etwas, das stirbt, wenn man es ans Allgemeine und Abstrakte (etwa: „was Liebende eben so machen, zum Beispiel vögeln“) anzupassen versucht. Dies lernt Samantha unter Leiden, während Theodore mit ihrer Hilfe über den verkümmerten, sozusagen pornographisch verengten Blick auf die Teilentblößungen von Körpern und Seelen hinauszudenken lernt, den eine Kultur der Clips und Soundbites uns heute allerwege andreht.

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